Konzept stationäre Angebote

Unser Heim sind Pflegefamilien

Wir verbinden die Vorteile und Stärken der Betreuung und Erziehung von Kindern in Familien mit einem heimähnlichen Betriebskonzept.

 

Wir sind eine heimähnlich organisierte Institution mit zentraler Leitung und dezentraler Erziehung und Betreuung.

Unterlagen zu unseren stationären Angeboten

 

Lesen Sie einen Bericht der Fachzeitschrift NETZ zum Thema Pflegekind anhand des Modells der Fachstelle Kinderbetreuung


Kindorientiertes Case Management

Ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts ist das „kindorientierte Case Management“. Diese Aufgabe wird von pädagogischen Leitung wahrgenommen, die für das einzelne Kind zuständig ist.

 

Mit dem Begriff "kindorientiertes Case Management" meinen wir, dass die pädagogische Leitung ihr Denken und Handeln auf die wichtigste Zielsetzung unserer Institution ausrichtet, nämlich das aufgenommene Kind ins Zentrum zu setzen. Die pädagogische Leitung hat den Auftrag, sich bei allen Einschätzungen, Überlegungen und Interventionen von der Frage leiten zu lassen: Was hilft dem aufgenommenen Kind? Was braucht dieses Kind? Was ist zum Wohle des Kindes?

 

In der praktischen Umsetzung geht es dabei um den direkten Kontakt mit dem Kind, die Praxisberatung der Pflegeeltern, die Zusammenarbeit mit den Eltern, Mandatsträger/innen, Schule, Therapeuten/innen etc. Erzieherisch anspruchsvolle Kinder aus belasteten Familiensituationen benötigen professionell begleitete Pflegeeltern. Die Mandatsträger/innen verfügen meistens nicht über die entsprechenden Ressourcen, um diese Aufgaben umfassend wahrzunehmen. Die Pflegeeltern können sich somit auf die Erziehung und den Aufbau der Beziehung zu den aufgenommenen Kindern konzentrieren.

 

Das kindorientierte Case Management ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Erziehung und Betreuung von Pflegekindern wie auch für Heimkinder. Unsere Betriebsstruktur schützt somit Pflegekinder vor negativen Folgen, die sich ergeben, wenn Pflegeeltern – wie es bei traditionellen Pflegefamilien oft der Fall ist - weitgehend auf sich selbst gestellt sind.

 

Die Pflegeeltern und die pädagogische Leitung bilden ein Arbeitsteam, ähnlich wie es in einem Kinderheim bei der Zusammenarbeit zwischen der Erziehungsleitung und dem für die einzelne Kindergruppe zuständigen Team der Fall ist. Das kindorientierte Case Management erfolgt im Auftrag und in enger Absprache mit den Mandatsträger/innen.


Die wichtigsten Konzeptpunkte

  • Sozialpädagogische Betreuung und Alltagspädagogik durch angestellte Pflegeeltern
  • Zentrale fachliche und betriebliche Leitung der Pflegefamilien, interne Aufsicht der Pflegeeltern
  • Die fachliche, pädagogische Leitung ist zuständig für die Zusammenarbeit, regelmässige Zielvereinbarungen und Standortgespräche mit den Eltern der Kinder, den Behördenvertretungen und weiteren Stellen.
  • Die pädagogische Leitung ist zuständig für die Planung und Zusammenarbeit mit Schule, Therapie und weiteren Stellen (z.B. Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst, Institut für Heilpädagogik)
  • Erziehungsplanung und Praxisberatung der Pflegeeltern
  • Obligatorische interne Aus- und Fortbildung der Pflegeeltern mit Jahresprogramm
  • Erfahrungsaustausch unter den Pflegeeltern
  • Anstellung der Pflegeeltern auf vertraglicher Basis
  • Wir verfügen über eine Fachpersonalquote von mindestens 66%.

 

Damit werden hohe gegenseitige Verbindlichkeiten und Verpflichtungen geschaffen. Unsere Institution als Ganzes fühlt sich für die Kinder verantwortlich. Die Verantwortung liegt nicht alleine bei den Pflegeeltern.


Beziehungskonstanz und Zugehörigkeitsgefühl

Für die betreuten Kinder ergibt sich im Vergleich zu vielen Heimsituationen eine stabile Beziehungsstruktur. Die Kinder können in unseren Pflegefamilien ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln, das emotionale Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Voraussetzungen für eine gesunde soziale, emotionale und kognitive Entwicklung sind tragende Beziehungen. In einer Familie können verbindliche und konstante Beziehungen sowohl zu Erwachsenen wie zu Kindern aufgebaut und erprobt werden. Vertrauensvolle Verbindungen bedeuten eine wichtige Erfahrung für die gesunde Entwicklung von Kindern und sind Voraussetzung für ihre spätere Beziehungsfähigkeit im Erwachsenenalter. In der Pflegefamilie können die Kinder zudem eine Familienerfahrung aufbauen, die für sie eine wichtige Orientierungshilfe im weiteren Leben darstellen kann.


Zusammenarbeit mit Eltern, Schule, Behörden und Institutionen

Unsere fachliche Grundausrichtung ist die systemorientierte Sozialpädagogik: Wir übernehmen in Absprache mit dem zuständigen Mandatsträger oder der zuständigen Mandatsträgerin die Moderation der Zusammenarbeit unter den Beteiligten. Auch weitere kindzentrierte, fachliche Denk- und Handlungsweisen beziehen wir mit ein (z.B. Verhaltens- und tiefenpsychologische Ansätze, Lösungsorientierung, Bindungstheorien, Biographiearbeit). Nach Bedarf und in Absprache mit den Mandatsträger/innen ziehen wir externe therapeutische Fachleute und Fachinstitutionen bei, z.B. den Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst, das Institut für Heilpädagogik oder Therapeuten und Ärzte in privater Praxis.

 

Wir legen grossen Wert auf eine genaue Auftragsklärung mit den Eltern und den zuständigen Behörden. Wir kooperieren mit den zuweisenden Stellen und evaluieren regelmässig unsere Zusammenarbeit.

 

Wir berücksichtigen in unserem Handeln Loyalitäten und gegenseitige Verpflichtungen von Eltern und Kind und setzen alles daran, die Wechselwirkungen zwischen Herkunftsfamilie und uns für eine positive Entwicklung der Kinder nutzbar zu machen. Wir helfen den Eltern der Kinder, ihre soziale und pädagogische Kompetenz zu stärken oder zu aktivieren und aufzubauen. Erste Priorität haben der Schutz und das Wohl der Kinder.

 

Mehr über die Denk- und Arbeitsweise der systemorientierten Sozialpädagogik erfahren Sie im Buch "Systemorientierte Sozialpädagogik" von René Simmen, Gabriele Buss, Astrid Hassler, Stephan Immoos, 232 Seiten, Verlag Paul Haupt, ISBN 3-258-06472-5.

 

"Netz" - Fachzeitschrift zum Theam Pflegekind über das Modell der Fachstelle Kinderbetreuung (2005)


Biographiearbeit mit den aufgenommenen Kindern und Jugendlichen

Die Biographiearbeit ist in unsere Arbeitsweise integriert. Sie ist eine Methode, den Kindern und Jugendlichen bei der Rekonstruktion ihrer Vergangenheit zu helfen, die persönliche Geschichte zu ordnen und damit die eigene Identität zu finden. Wir helfen den Kindern dadurch, seelisch zu reifen und sich als ganzheitlicher Mensch zu fühlen. Dieser Prozess erfolgt im Alltag mit den Kindern in enger Zusammenarbeit zwischen fachlicher Leitung und Pflegeeltern möglichst unter Einbezug der Eltern und der Mandatsträger/innen. Unsere Fachleitungen haben entsprechende Weiterbildungen besucht.

 

Pflegekinder sind oft schon in ihren ersten Jahren, bevor sie sprechen oder begrifflich denken können, von Brüchen betroffen oder haben schwerwiegende physische oder psychische Verletzungen erlitten. Sie haben als Kind, als Jugendliche und als junge Erwachsene Erinnerungen an das, was nicht hätte passieren sollen, können diese Erinnerungen aber nicht oder nur teilweise formulieren oder in einen Zusammenhang bringen. Dadurch binden diese Erlebnisse und Erinnerungen Energie, die eigentlich für die kindliche Entwicklung und die Entwicklung einer positiven Lebensperspektive nötig wären. Indem wir mit den Kindern biografisch arbeiten, unterstützen wir sie in ihrer Entwicklung. Die Kinder haben die Möglichkeit, mit einer ihnen bekannten Vertrauensperson über ihre Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle zu sprechen. Sie haben die Gelegenheit, Fragen zu ihrer Vergangenheit zu stellen, sie erhalten auch auf schwierige Fragen Antwort und sie werden ermutigt, über sich selber nachzudenken und die eigenen Gefühle und Wünsche zu

formulieren.

 

Welche Fragen sind denn für Pflegekinder wichtig?

Warum lebe ich nicht bei meinen Eltern wie andere Kinder auch? Warum wurde ich ihnen weggenommen? Warum haben sie mich weggeben? Wer ist mein Vater? Wer ist meine Mutter? Habe ich Geschwister? Wo lebte ich als Kleinkind? Warum habe ich als ich in den Kindergarten ging, bei meiner Tante gewohnt? Was heisst drogenabhängig? Warum ist meine Mutter im Spital? Warum kommen meine Eltern mich am Wochenende nicht abholen wie versprochen? Warum habe ich Narben an meinen Händen? Warum schweigt meine Grossmutter, wenn ich frage, wo meine Schwester ist? Warum ist mein kleiner Bruder plötzlich gestorben?

 

Welche Selbstbilder entwickeln Pflegekinder?

Niemand hat mich lieb. Niemand will mich wirklich. Die eigenen Kinder der Pflegefamilie können alles besser als ich. Ich habe keinen Freund. Ich bin schuld, dass meine Eltern gestritten haben und jetzt geschieden sind. Wenn ich lieb gewesen wäre, würde ich nun nicht in der Pflegefamilie leben. Biografiearbeit als Methode hilft dem Kind bei der Beantwortung der Grundfragen des Lebens: Woher komme ich, wer bin ich geworden, wie will ich werden?

 

Dokumentation des eigenen Lebens

Biografiearbeit soll den Kindern ermöglichen, ihr Leben als Kontinuum zu sehen, indem sie erfahren, wo sie geboren sind, mit wem sie zusammengelebt haben, welche Wechsel sie erlebt haben und warum diesie stattgefunden haben. Biografiearbeit bringt also die oftmals verschiedenen Wechsel und Brüche in einen logischen und chronologischen Zusammenhang, wir dokumentieren sie anschaulich mit dem Kind zusammen. Das Wissen darüber nehmen wir als Grundlage, um darüber zu sprechen, die damit verbundenen Gefühle wahrzunehmen und den Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen.

 

Identitätsentwicklung

Wer bin ich? Was kann ich? Was mache ich gerne? Was liebe ich? Wovor fürchte ich mich? Was ist ein guter Tag, was ein schlechter? Wo brauche ich Unterstützung? Wie fühle ich mich heute? Was mache ich mit meinen schlechten Gefühlen? Bin ich okay, so wie ich bin? Indem das Kind sich im Gespräch, über Erlebnisse und kreatives Gestalten mit sich selber befasst und sein Selbstbild mit Zeichnungen, mit Notizen, mit Erlebnissen, mit Briefen usw. dokumentiert, wird sein Selbstbewusstsein und sein Selbstvertrauen gestärkt. Das Kind erfährt sich als einmalige Persönlichkeit mit starken und schwachen Seiten. Die Last der Vergangenheit ist da, aber die Gegenwart ist lebenswert und hält Perspektiven offen. Identität entwickeln heisst zu wissen, woher ich komme, wer ich bin, warum ich so geworden bin, und darüber nachzudenken, wer ich werden will, welche Zukunftspläne ich habe, was mir wichtig ist und wie ich meine Ziele verwirklichen kann.

 

Zusammenarbeit

Das Pflegekind ist ein Kind mit einem ausgedehnten Beziehungs- und Betreuungsnetz. Es lebt über kürzere oder längere Zeit bei Pflegeeltern, die es betreuen und begleiten, ihm Zuwendung geben und es in seiner Entwicklung unterstützen. Das Pflegekind hat aber auch ein Herkunftsfamiliensystem (Eltern, Geschwister, Grosseltern, Tanten, Götti usw.), das sich um es kümmert, dem es in unterschiedlichem Masse anvertraut wird, dem es nicht nur biologisch, sondern auch beziehungsmässig zugehörig ist. Das Kind hat auch eine behördliche Betreuungsperson, die um sein Wohl besorgt ist und es begleitet. Oftmals erfährt das Kind auch Unterstützung durch einen Therapeuten.

Biografiearbeit als Unterstützung der kindlichen Entwicklung verlangt nach guter Zusammenarbeit auf der Erwachsenenebene. Die pädagogische Leitung leitet und koordiniert die Arbeit mit dem Kind, sie ist in Kontakt mit dem Herkunftsfamiliensystem und der behördlichen Betreuungsperson des Kindes, holt dort Informationen ein und bezieht die Personen situationsgerecht in den Prozess mit ein. So kann es für das Kind sehr hilfreich sein, wenn ihm eine Bezugsperson aus dem Herkunftssystem oder sein Beistand erzählt, wie es zur Aufnahme in die Pflegefamilie kam und dass sie mit dem Entscheid einverstanden waren resp. ihn gefällt haben. Dem Kind hilft auch, wenn es von jemandem aus seinem Herkunftssystem erfährt, wie es als Kleinkind war, woran es Freude hatte, was es gut konnte usw. Das Herkunftssystem kann in Zusammenarbeit mit der pädagogischen Leitung und den Pflegeeltern dem Kind viel Klarheit bezüglich seiner Vergangenheit geben, an den Pflegeeltern liegt es, mit dem Kind die Gegenwart zu ordnen und mit ihm -immer unter der Leitung der pädagogischen Leitung- Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

 

Biografiearbeit als Methode, dem Kind Sicherheit und Selbstvertrauen zu geben, hat nicht in allen stationären Angeboten der Fachstelle Kinderbetreuung die gleiche Funktion:

Mittel- und langfristige Plätze MLP und SPP

Für Kinder, die über Jahre in einer Pflegefamilie leben oder dort einen grossen Teil ihrer Kindheit und Jugendzeit verbringen, ist die Biografiearbeit eine hilfreiche Methode der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ziel ist, das Leben, die verschiedenen Stationen im Leben des Kindes, in einem „Lebensbuch" zu dokumentieren.

 

Notaufnahmeplätze NOP

Biografiearbeit während der NOP-Zeit dient in erster Linie der Dokumentation des Aufenthaltes und den damit verbundenen und gemachten Erfahrungen und Erlebnissen. Wir dokumentieren für und mit dem Kind die Aufenthaltsdauer, die Lebenssituation der Pflegefamilie, seine Beziehungen innerhalb der Familie und im sozialen Umfeld. Wir sprechen mit dem Kind darüber, warum es für eine Zeitdauer in der Pflegefamilie lebt und wo es nachher leben wird.

 

Bücher zum Thema Pflegekind und Biografiearbeit


Welches Angebot ist passend?

Überlegungen zur Indikation

Unsere breite Palette an Angeboten ermöglicht es, Kindern und Eltern in erschwerten Situationen ihren familiären Ressourcen entsprechend zu begleiten. In akuten Krisen stehen das Erziehungstraining auf der Basis der Kompetenzorientierte Familienarbeit oder ein Notaufnahmeplatz möglicherweise kombiniert mit ambulanter Familienarbeit (in diesem Fall ist das Kind zeitweise bei den Eltern) zur Wahl. Benötigen Kinder oder die ganze Familie längerfristige Unterstützung, kann die Ambulante Familienunterstützung bez. Sozialpädagogische Familienbegleitung oder die Aufnahme der Kinder an einen langfristigen Platz erwogen werden.

 

Wichtige handlungsleitenden Fragen sind:

  • Was hilft dem Kind?
  • Was braucht seine Familie
  • Welche Perspektive ist anzunehmen?

 

Kindesschutz

Erfordert die Situation dringendes Handeln, um das Kind vor Vernachlässigung, physischer oder psychischer Gewalt zu Schützen oder eine gute Betreuung zu gewährleisten? Besteht eine unsichere oder sichere Bindung beim Kind?

 

Kompetenzprofil

Sind die Eltern den Aufgaben, welche mit der Erziehung der Kinder im aktuellen Alter verbunden sind, zurzeit gewachsen? Verfügen sie über die notwendige Feinfühligkeit und Verlässlichkeit als Voraussetzung einer sicheren Bindung (s. Bindungsforschung)?

 

Lernfähigkeit

Bestehen bei den Eltern Voraussetzungen, welche ein (Wieder-) Aufbau ihrer Kompetenzen und der emotionalen Zuwendung ermöglicht? Gibt es soziale Schutzfaktoren welche ihnen dabei helfen und die aktiviert werden können? Können Belastungen und Risikofaktoren reduziert werden, damit die Elternschaft angemessen ausgeübt werden kann?

 

Problemakzeptanz

Haben die Eltern die Einsicht, dass sie zurzeit nicht über die nötigen Erziehungsvoraussetzungen verfügen?

 

Problemkongruenz

Schätzen die Eltern die aktuelle Situation und ihre persönlichen Ressourcen realitätsgerecht ein?

 

Zielkongruenz

Welches sind die Ziele, welches der genaue Auftrag? Diese Fragen helfen klären, ob ein Angebot passend für die Familie und das Kind ist. Eine „bedingte Zielkongruenz“ zwischen Eltern, zuweisender Stelle und uns sollte sich sowohl beim Erstgespräch für einen ambulanten Einsatz als auch während dem Aufnahmeprozess für eine Kinderaufnahme ergeben. Damit ist eine minimale gemeinsame Zielsetzung (MGZ), welche möglicherweise nur in wenigen, aber relevanten Punkten übereinstimmt, gemeint. Das heisst, dass während dem Kennenlern- und Aufnahmeprozess mit den Eltern bzw. mindestens einem Elternteil eine minimale Übereinstimmung bezüglich Zielsetzung erreicht wird. Damit bildet sich neben dem formellen schriftlichen Auftrag oder Aufnahmevertrag ein „inneres Vertragsverhältnis“. Auf diese Weise erhält das aufzunehmende Kind ein „(Teil-) Erlaubnis“ sich bei den Pflegeeltern beziehungsmässig einzulassen. Bei der Notaufnahme ist die Zielkongruenz nicht aber später nach der Aufnahme möglich.

 

Hilfeakzeptanz

Geben die Eltern ihre Zustimmung zu den vorgesehenen Massnahmen, sind sie zur Zusammenarbeit bereit und motiviert, an Verbesserungen zu arbeiten? Ist es kindgerecht das Kind als Motivationsfaktor zu benutzen? Oft liegt ein Entscheid der Behörde vor. Dieser ist in gewissen Situationen Voraussetzung, damit eine Hilfeakzeptanz entstehen kann. In anderen Situationen besteht die Hilfeakzeptanz bereits bei der Anmeldung.

 

Alternativen

Was sind alternative Massnahme-Möglichkeiten? Gibt es alternative Massnahmen, die dem Kind besser gerecht werden? Diese Fragen sind oft von grosser Bedeutung, da manchmal die Vorstellungen des Kindes, der Eltern oder der zuweisenden Stelle bezüglich idealer Hilfsmassnahme aufgrund praktischer Vorgaben (wenn es keine freien Plätze gibt, wenn eine Massnahme nicht finanzierbar ist, etc.) nicht realisierbar sind.

 

Zukunftsperspektive

Wie ist die Lebens- und Entwicklungsperspektive des Kindes in seiner Familie? Worauf deutet die bisherigen Umgang mit dem Kind und die bisherige Lebensform der Eltern hin? Wie ist die Perspektive des Kindes auf Grund der aktuellen Krisensituation? Für Massnahmen im Kinderschutz ist die Zukunftsperspektive des Kindes sehr relevant. Ein herausragender Faktor einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung für Kinder sind stabile und konstante Beziehungen. Deshalb muss die Situation und die Hilfemassnahme vertieft im Hinblick auf seine langfristige Perspektive und weniger auf die nächsten Tage, Wochen und Monate beurteilt werden.

 

Je nach Antwort auf diese Fragen zeigt sich, ob eines unserer Angebote oder eine andere Hilfestellung geeignet ist.

 

Die Erfahrungen mit unserem Erziehungstraining und der ambulanten Familienunterstützung (sozialpädagogische Familienbegleitung) zeigen, dass in erstaunlich vielen - auch sehr kritischen Erziehungssituationen - Eltern lernen können, ihrer Aufgabe und ihrem Auftrag wieder gerecht zu werden.

 

Wenn dies nicht möglich ist, ist die notfallmässige, vorübergehende Aufnahme des Kindes in eine unserer Pflegefamilien oder gar eine langfristige Aufnahme eine wichtige Voraussetzung, um den Schutz des Kindes und längerfristige Entwicklungschancen zu gewährleisten.

 

Eine Aufnahme bei Pflegeeltern darf allerdings nicht zum Bruch mit den Eltern führen. Oftmals spüren die Kinder eine grosse Verbundenheit und Loyalität zu ihren leiblichen Eltern, auch wenn sie bei Pflegeeltern leben. Ihre eigenen Eltern haben neben den Pflegeeltern einen Platz im Herzen der Pflegekinder. Dass sie diesen Platz behalten dürfen, zeigen wir den Pflegekindern indem wir den Kontakt zu den Eltern ermöglichen und grossen Wert auf einen respektvollen Umgang mit seinen Eltern legen. Die Eltern nehmen an regelmässigen Gesprächen zur Entwicklung ihres Kindes zusammen mit der pädagogischen Leitung, dem Vormund oder der Berufsbeiständin des Kindes teil und reden bei den Fragen zur Erziehung ihres Kindes mit. Ein guter Kontakt zu den eigenen Eltern, seiner Geschichte und seinen Wurzeln erleichtert es dem Pflegekind, sich in der Pflegefamilie zu integrieren. Viele Kinder pflegen einen zweiwöchigen oder monatlichen Besuchskontakt zu den Eltern, einige Kinder haben keinen Kontakt oder begleiteten Kontakt zu den Eltern oder zu einem Elternteil.


Partizipation der Pflegekinder

Die Partizipation der Kinder betrifft alle unsere Angebote, ambulante Hilfen wie Begleitete Besuchstage. Für die folgenden Gedanken ziehen wir jedoch die Partizipation bei Pflegekindern beispielhaft bei.

 

In unserem Leitbild steht der Satz: „Wir stellen das Kind ins Zentrum unserer Überlegungen, Entscheidungen und Handlungen.“ Damit wir diesem Leitsatz nachleben, ist es notwendig die Perspektive des Kindes einzubeziehen. Seine Perspektive können wir besser erfassen, wenn wir die folgenden Aspekte berücksichtigen:

 

Verständnis

Hat das Pflegekind genügend und die richtigen Informationen, um seine Situation zu verstehen?

 

Selbstwirksamkeit

Hat das Kind genügend Hilfestellungen und Anregungen, welche ihm zeigen, dass es sein Leben selber (mit)gestalten kann. Ermöglichen wir ihm Erfolgserlebnisse, welche es in der Selbstbewältigung bestätigen?

 

Sinn

Verfügt das Kind über eine eigene Begründung, eine persönliche Interpretation seiner jetzigen Lebenssituation in der Pflegefamilie? Wie können wir ihm bei der Sinnfindung und beim Akzeptieren seiner Lebenssituation helfen? Um dies herauszufinden, brauchen wir eine persönliche Beziehung zu den Kindern über das Gespräch oder andere Zugänge. Verkürzt gesagt, das Kind hat Anrecht auf Information, Mitwirkung und Selbstbestimmung, drei wichtige Formen der Partizipation:

  • Information: In vielen Situationen, vor allem auch in Krisenphasen, in denen Erwachsene (Gerichte, Behörden, unsere Fachleitungen, die Eltern oder die Pflegeeltern) wichtige Entscheide treffen, soll das Kind gehört und über die die Entscheidungshintergründe informiert werden. Entscheide der Erwachsenen müssen sich am Wohl des Kindes orientieren. Der Wille des Kindes muss bei Entscheidungen Erwachsener bekannt sein, ist aber nicht gleichzustellen mit dem Wohl des Kindes. „Ein am Wohl des Kindes ausgerichtetes Handeln ist dasjenige Handeln, welches die – an den Grundbedürfnissen und Grundrechten von Kindern orientierte – für das Kind jeweils günstigste Handlungsalternative wählt.“ (Jörg Maywald, Sprecher der Nationalen Koalition für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland)
  • Mitwirkung: Bei vielen Themen können Kinder aktiv mitreden, mitwirken und Einfluss nehmen, so zum Beispiel bei der Freizeitgestaltung der Pflegefamilie, beim Menueplan, bei Fragen rund um Besuche bei den eigenen Eltern, bei der Schulwahl.
  • Selbstbestimmung: Es braucht einen Raum, in dem das Kind die Selbstbestimmung üben und erfahren kann, zum Beispiel bei der Verwendung des Sackgelds, in der Gestaltung des Zimmers, in der Kleiderwahl. Ob Information, Mitwirkung oder Selbstbestimmung angezeigt ist, ist abhängig vom Thema, der aktuellen Situation und dem Alter des Kindes. Je älter das Kind wird, um so grösser soll sein Selbstbestimmungsraum werden.

 

 

Wie setzen wir die Partizipation um? Einige Beispiele dazu:

Bei der Aufnahme

Ältere Kinder und Jugendliche erhalten zur Vorbereitung der Aufnahmegespräche Fragen u.a. zu ihren Wünschen und Erwartungen, die im Gespräch aufgenommen werden.

Notaufnahme-Kinder, die ja oft sehr wenig auf ihre Aufnahme vorbereitet werden können, erleben ein Gespräch an der Geschäftsstelle, in welchem sie nach ihren Anliegen befragt und über ihre Aufnahme informiert werden. Später, bei der Ankunft in der Notaufnahmefamilie, folgt ein Einführungsritual zum gegenseitigen Kennenlernen und Informationsaustausch.

 

Nach der Aufnahme

Die Fachleitungen, schaffen regelmässigen persönlichen Kontakt zu den Pflegekindern, auch ohne Anwesenheit der Pflegeeltern, damit die Kinder die Möglichkeit haben, ihre Sicht einzubringen. Bei Bedarf organisieren die Fachleitungen Gespräche mit Pflegekind und Pflegeeltern ev. zusammen mit den Pflegegeschwister oder mit den eigenen Eltern.

In regelmässigen Gesprächen, sogenannten Standortgesprächen, können vor allem die älteren Kinder ihre Meinung bei Anwesenheit der Beistände und eigenen Eltern einbringen.

 

Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden

Die Mitarbeitenden haben den Auftrag, die Partizipation bei jedem Kind regelmässig zu thematisieren und zu fördern. Die Umsetzung nehmen wir in den laufenden Fortbildungen und Situationsbesprechungen (Fallbesprechungen) sowie in der Praxisberatung der Pflegeeltern auf. Wir orientieren uns dabei an unserem Leitbild und dem europäischen Betreuungsstandard

 

„Quality4Children“

Die Resilienzforschung (die Forschung über die erfolgreiche Bewältigung von Risikobedingungen) bestätigt, dass Partizipation, welche

  • das Verstehen der Lebenssituation („aha, darum bin ich hier“)
  • das Erfahren der Selbstwirksamkeit in seinem Leben („ich kann mein Leben aktiv mitgestalten“)
  • die Sinnfindung in der eigenen Lebenssituation (z.B. „ich wäre zwar lieber bei meinen Eltern, aber ich habe hier doch mehr Halt als zu Hause“) fördert, äusserst relevante Voraussetzungen für eine gelingende Entwicklung darstellen.

Eine Unterstützung dabei ist die Biographiearbeit unter Einbezug der eigenen Eltern und Pflegeeltern. Sie ist Bestandteil unseres Konzepts und hilft den Kindern, den eigenen Lebensweg besser kennen zu lernen und damit die eigene Identität zu ergründen.

 

Partizipation und Loyalität gegenüber Eltern und Pflegeeltern

Die eigene Lebensgeschichte und die Eltern haben bei der Umsetzung der Partizipation von Pflegekindern spezielle Bedeutung: Kinder und Pflegekinder im Besonderen fühlen sich ihren eigenen Eltern und - vielfach in zweiter Linie - den Pflegeeltern verbunden und verpflichtet. Damit leben sie in zwei Welten und sind so oft mit ganz verschiedenen Erwartungen und Ansprüchen konfrontiert. Diese können ihnen den Zugang zu sich selber und zur Erkenntnis einer Selbstwirksamkeit und einer eigenen Sinngebung erschweren. Es stellt sich daher die Frage, wie weit die aktuellen Haltungen, Meinungen und Wünsche der Pflegekinder Loyalitätsbezeugungen zu einer oder beider dieser Welten bedeuten und auf welche Weise wir ihnen helfen können, auf sich selber zu hören. Viele Kinder brauchen dazu die „Erlaubnis“ der Eltern und Pflegeeltern. Gespräche und Erkenntnisse zu dieser Thematik unter den beteiligten Erwachsenen können deshalb die Partizipation der Kinder entscheidend fördern und damit deren Überzeugung, dass sie ihr Leben aktiv mitgestalten können.