Informationen für abgebende Eltern


Wenn Ihr Kind in eine Notaufnahmefamilie oder eine Pflegefamilie kommt

Es gibt viele verschiedene Situationen, aus denen Kinder zu uns in eine Pflegefamilie kommen.

 

Vielleicht haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Kindererziehung zu viel Kraft und Geduld erfordert und Sie keine Energie mehr haben.

 

Vielleicht haben Sie gesundheitliche Probleme.

 

Vielleicht haben Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Partner oder mit Ihrer Partnerin oder den Verwandten.

 

Vielleicht zeigt das Kind schwieriges Verhalten, das Sie nicht mehr ertragen.

 

Vielleicht sind Sie oft mutlos und traurig.

 

Vielleicht bestimmen die Behörden, dass Sie nicht mehr selber zum Kind schauen können.

 

Vielen Eltern fällt es sehr schwer, sich mit der Tatsache zu befassen, dass sie ihr Kind nicht selber betreuen und erziehen können, andere Eltern sind froh um Entlastung. Viele haben aber Angst, ihr Kind zu "verlieren".

 

Unsere Erfahrung zeigen, dass die Eltern für die Kinder immer sehr wichtig bleiben.


Wenn Sie uns als Eltern Ihr Kind anvertrauen, leiten uns folgende Gedanken

Die Zusammenarbeit mit Ihnen als engste Bezugspersonen Ihres Kindes ist uns sehr wichtig.

 

Wir möchten Sie entlasten und Ihr Kind in seiner Entwicklung fördern.

 

Wir besprechen mit Ihnen und allen anderen Beteiligten gemeinsam regelmässig die Entwicklung Ihres Kindes.

 

Wir unterstützen den Kontakt und die Beziehung Ihres Kindes zu Ihnen wenn immer möglich und wenn Ihre Situation es erlaubt.


Welche Fragen sind uns wichtig?

Was für Hilfestellungen braucht Ihr Kind in der nächsten Zeit?

 

Worauf legen Sie Wert in der Erziehung? Worauf sollen wir besonders gut achten

 

Was sind Ihre Erwartungen?

 

Wird Ihr Kind wieder zu Ihnen zurückkehren?

 

Was soll sich in diesem Fall verändern?

 

Wie oft kommt Ihr Kind nach Hause?

 

Wie möchten Sie mit uns zusammenarbeiten?

 

Sicher haben Sie weitere Fragen, die Sie uns stellen möchten. Wir besprechen diese gerne mit Ihnen.


Wie erfolgt die Aufnahme?

Zuerst haben Sie Kontakt zu unserer pädagogischen Leitung. Mit ihr und mit allen Beteiligten besprechen wir die mögliche Aufnahme. Dann lernen Sie die Pflegefamilie kennen. Sie können sie auch besuchen. Anschliessend kommt es zum Aufnahmegespräch, an dem wir den Aufnahmevertrag besprechen. Ein wichtiges Thema ist auch die Zielsetzung des Aufenthalts. Dann planen wir, wie sich das Kind eingewöhnen kann. Sie können viel mithelfen, dem Kind den Übergang zu erleichtern. Bei Notaufnahmen ist eine längere Eingewöhnung leider nicht möglich.


Wie wählen wir unsere angestellten Pflegeeltern aus?

Alle Pflegeeltern haben wir nach einem intensiven Bewerbungsverfahren ausgewählt. Sie absolvieren eine einführende Schulung und nehmen regelmässig an Fortbildungen teil. Sie werden durch eine unserer Fachperson geleitet. Diese bespricht regelmässig die Entwicklung Ihres Kindes und die erzieherischen Fragen mit den Pflegeeltern.


Wie sieht die Zusammenarbeit mit Ihnen nach der Aufnahme aus?

In regelmässigen Gesprächen, an welchen Sie, die Pflegeeltern, ein eventueller Beistand und manchmal (je nach Alter) auch Ihr Kind teilnimmt besprechen wir zusammen die aktuellen Fragen rund um Ihr Kind. Das Gespräch wird durch unsere pädagogische Leitung geführt.

 

Je nach Situation haben Sie auch regelmässigen Kontakt mit Ihrem Kind zum Beispiel in Form von Besuchen. Wir unterstützen Sie und ihr Kind darin, die Beziehung weiterhin aufrecht zu erhalten. Wenn eine Beistandschaft besteht, kann es in bestimmten Situationen (z.B. wenn Sie gegenüber Ihrem Kind gewalttätig waren) vorkommen, dass der Kontakt vorübergehend oder längerfristig eingestellt wird. Bei diesen Schritten ist jeweils die Vormundschaftsbehörde involviert. Solche Situationen betrachten wir jedoch als Ausnahme.

 

Auch in schwierigen Phasen möchten wir mit Ihnen im Gespräch bleiben. Es geht uns darum, dass Ihr Kind sich bei den Pflegeeltern wohlfühlt und auch zu Ihnen ein gutes Verhältnis haben kann. Damit dies gelingen kann, brauchen wir Ihre Mitarbeit und Unterstützung. So helfen Sie Ihrem Kind, sich gut entwickeln zu können.


Was Kinder sagen die in einer Pflegefamilie leben

 

Mittel- und langfristige Aufnahme MLP

Kinder an mittel- oder langfristigen Pflegeplätzen leben im Minimum zwei Jahre, maximal bis zum Ende der Erstausbildung in der Pflegefamilie.

 

Interview mit Levon (langfristige Aufnahme)

Levon, 15 Jahre, lebt seit 5 Jahren in einer Pflegefamilie. Seine Eltern kämpfen seit vielen Jahren gegen ihre Suchtprobleme. Die Mutter konsumierte harte Drogen, der Vater Alkohol. Beide Eltern haben mehrfach einen Entzug gemacht und versuchen immer wieder, Stabilität in ihr Leben zu bringen. Levon lebte kurze Zeit bei seinen Eltern, später bei Verwandten. Jetzt lebt er seit 5 Jahren in einer Pflegefamilie der Fachstelle Kinderbetreuung. Zu den Eltern hat er regelmässigen Kontakt.

 

Weißt Du, was der Grund war, wieso Du damals in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen eine gute, sinnvolle Entscheidung?

Levon: Wegen Mami und Papi. Weil sie Drogen genommen haben. Es ging bei uns Zuhause nicht so gut und dies hat mich bedrückt. Ja, das war eine richtige Entscheidung.

 

Wie ordnest Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie rückblickend in dein Leben ein? Was erlebst du positiv, was eher belastend?

Levon: Es geht. Das Beste ist es nicht gewesen, ich wäre lieber bei meinen Eltern geblieben. Positiv daran war/ist, dass ich die schwierigen Situationen zu Hause mit Mami und Papi nicht miterleben musste. Belastend ist, dass ich Mami und Papi nicht viel sehen kann.

 

Was hat Dir gefällt Dir am Leben in der Pflegefamilie, was vermisst Du? Was ist für Dich das Tollste in der Pflegefamilie?

Levon: In der Pflegefamilie gefällt mir, dass ich in einer Familie leben kann. Sie haben mich gut aufgenommen und ich lebe gerne da. Vermissen tue ich meine Eltern. Ich möchte gerne mehr in ihrer Nähe sein. Das Tollste ist, dass wir gemeinsame Ausflüge mit der Pflegefamilie machen.

 

Wer und was unterstützt Dich im Alltag und hilft Dir in guten wie in schwierigen Zeiten?

Levon: Mit den Eltern kann ich über meine Probleme reden, sie helfen mir, dass es mir nachher besser geht. Am liebsten bin ich alleine, wenn es mir mal nicht so gut geht, manchmal Boxe ich auch in den Boxsack.

 

Wie erlebst Du die Pflegeeltern und die Pflegegeschwister und die Kinder im Dorf?

Levon: Meistens ist der Kontakt zu den Pflegeeltern und den Pflegegeschwister gut. Mir geht es gut in der Pflegefamilie, wir haben gute sowie schlechte Zeiten miteinander. In der Schule habe ich gute Kollegen.

 

Welchen Tipp würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?

Levon: Mein Tipp ist: Respektiere die Pflegeeltern.

 

Was möchtest Du sonst noch sagen? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern?

Levon: Die Standortgespräche müssten nicht sein, ändern kann man an diesen Gesprächen sowieso nicht viel. Die Fachstelle setzt sich für mich ein. Ich merke, dass sich mein pädagogischer Leiter für mich interessiert, er schaut, dass es mir gut geht.

 

 

Notaufnahme NOP

Kurzfristig und für eine maximale Dauer von einem halben Jahr werden Kindern und Jugendliche in speziell ausgebildete Pflegefamilien aufgenommen. Ziel ist es u.a., während dieser Zeit eine gute Folgelösung zu finden.

 

Interview mit Milva

Milva, 15 Jahre, lebte 8 Monate in einer Notaufnahmepflegefamilie. Milva lebte die ersten 12 Lebensjahre in ihrem Heimatland Tunesien. Die ersten zwei Jahre lebte sie mit ihrer Mutter, diese emigrierte danach in die Schweiz und Milva lebte zehn Jahre bei ihrer Grossmutter. Mit 12 Jahren holte die Mutter Milva in die Schweiz zu sich und ihrem Partner. Die neue Familienkonstellation war für alle eine riesige Herausforderung. Milva freute sich, wieder mit ihrer Mutter zusammen zu leben, trotzdem war sie für Milva eine Fremde, die sie in den vergangenen 10 Jahren nur zweimal gesehen hatte. Milva steckte in der Pubertät, in einem ihr unbekannten Land, mit einem Stiefvater und ihrer Mutter, die sie kaum kannte. Es kam zu Schwierigkeiten in der Schule und zu massiven Konflikten zuhause.

 

Weißt Du, was der Grund war, wieso Du in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen aus Deiner Sicht eine gute, sinnvolle Entscheidung der zuständigen Fachpersonen und/oder Deiner Eltern?

Milva: Ja, es war eine gut Entscheidung. Ich hatte zuhause oft Streit mit meinem Stiefvater und meiner Mutter gehorchte ich oft nicht. Auch meine Mutter hatte oft wegen mir Streit mit meinem Stiefvater. Sie wollte sich von ihm trennen. Sie fragte mich, ob ich damit einverstanden sei eine Zeit in einer Familie zu leben. Ich entschied mich dafür. Rückblickend betrachtend wäre ich liebe direkt in ein Heim gegangen. Damals konnte ich mir dies nicht vorstellen und auch meine Mutter wollte das nicht.

 

Wie ordnest Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie rückblickend in dein Leben ein? Was erlebst du positiv, was eher belastend?

Milva: Ich hatte Mühe mich auf etwas Neues einzulassen. Meine Mutter nur selten zu sehen war schwierig. Ich habe sie vermisst. Manchmal fühlte ich mich einsam. Die Pflegeeltern waren für mich unbekannt. Sie lebten ein zufriedenes Leben und hatten keine Probleme. Ich dagegen kam zu ihnen mit meinen Schwierigkeiten. Ich passte mich an, konnte mich aber nicht richtig einlassen. Eigentlich hatte ich es gut. Oft hatten wir auch Spass. Wir unternahmen viele Ausfahrten und Ausflüge mit dem Velo zu Fuss oder mit dem Wohnwagen.

 

Wer und was hat dir damals geholfen, in guten wie in schwierigen Zeiten? Was war unterstützend für Dich?

Milva: Es war für mich schwierig mit den Pflegeeltern über meine Probleme zu sprechen. Ich weiss nicht genau warum. Ich war halt nicht ihre eigene Tochter. Für mich war es schwierig, wenn sie miteinander über meine Probleme sprachen. Häufig war ich mit der jüngeren Tochter der Pflegefamilie zusammen. Wir verstanden uns sehr gut und hatten es oft lustig. Heute gelingt es mir besser über meine Probleme zu sprechen, das hilft mir.

 

Wie ist Dein Kontakt heute zu Deinen damaligen Pflegeeltern und den Pflegegeschwistern? Zu den damaligen Kollegen und Kolleginnen aus dem Quartier, der Schule?

Milva: Ich habe noch gelegentlich Kontakt mit Sandra meiner Pflegeschwester. Sie hat mich auch schon einmal besucht. Ansonsten habe ich mit Kolleg/innen von damals noch per MSN Kontakt.

 

Welchen Rat, Tipp, usw. würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?

Milva: Versuche positiv zu denken. Vielleicht wird es ja eine gute Zeit für dich und es gefällt dir gut. Denk daran, dass man über alles sprechen kann und auch sagen darf, wenn einem etwas nicht gefällt.

 

Was möchtest Du mir sonst noch sagen zu Deiner Zeit in der Pflegefamilie? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern?

Milva: Es ist sicher gut, dass es Familien gibt die Kinder aufnehmen. Vielleicht sind Pflegefamilien für kleinere Kinder idealer und ist es für Jugendliche besser in einer Institution zu sein. Es ist wichtig, dass die Pflegeeltern nachfragen, wenn ein Pflegekind traurig ist, auch wenn es nicht viel sagt.

 

 

Entlastungsplatz EPL

Die Kinder und Jugendlichen leben 2-3 Tage pro Woche oder an Wochenenden und in Schulferien in der Pflegefamilie. Teilweise wird das Angebot der Entlastungsplätze mit der ambulanten Familienunterstützung kombiniert.

 

Interview mit Nathalie

Nathalie, 13 Jahre, verbringt seit 4 Jahren ein Wochenende im Monat und zwei Wochen Sommerferien in der Pflegefamilie. Nathalies Eltern haben sich vor vielen Jahren getrennt, auch von Nathalies Stiefvater hat sich die Mutter vor Jahren getrennt. Nathalie hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Sie lebt bei ihrer Mutter und ihren Halbgeschwistern, eine ihrer Schwestern hat eine Behinderung, der Bruder braucht viel Betreuung im Alltag aufgrund eines ADHS. Die Mutter ist mit den drei Kindern sehr gefordert. Wenn die Halbgeschwister am Wochenende zu ihrem Vater und Nathalie in die Pflegefamilie gehen, hat die Mutter zwei Tage um sich zu erholen, um so gestärkt den Herausforderungen des Familienalltags entgegenzutreten.

 

Weisst Du, was der Grund war, wieso Du in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen eine gute, sinnvolle Entscheidung?

Nathalie: Meiner Mutter ging es nach der intensiven Trennung von meinem Stiefvater gesundheitlich nicht so gut. Der Alltag mit uns Kindern war für sie sehr anstrengend. Vor allem meine Geschwister benötigten in dieser Zeit viel Aufmerksamkeit von meiner Mutter, da sie noch klein waren. Auch in dieser Zeit -wie auch heute- sah ich meinen Vater kaum. Ich konnte regelmässig mit meinen Halbgeschwistern zu „meinen Grosseltern" (Grosseltern meiner Halbgeschwister), auch Gotte und Götti traf ich ab und zu. Die Idee, dass ich einmal im Monat ein Wochenende zu „meiner Pflegefamilie" gehen kann finde ich auch heute nach vier Jahren noch sehr gut. Ich habe in diesen vier Jahren eine gute Beziehung aufbauen können und habe viele Leute kennen gelernt.

 

Wie erlebst Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie? Was erlebst du positiv, was eher belastend? Was fehlt Dir respektive was ist für Dich das Tollste in der Pflegefamilie?

Nathalie: Am Anfang fühlte ich mich an den Wochenenden etwas einsam. Es war für mich so ungewohnt, dass sich erwachsene Personen ein ganzes Wochenende für mich Zeit nehmen In der Zwischenzeit geniesse ich genau dies, ich kann ausspannen und mich erholen. Ich gehe immer gerne zu meinen Pflegeeltern. Ich hatte nur einmal Mühe zu gehen, nämlich dann als meine Grossmutter gestorben ist und ich eigentlich nicht gehen wollte. Am meisten freue ich mich auf die Enkelkinder meiner Pflegeeltern, welche ich an den Wochenenden hüten darf. Die Wochenenden und Ferientage im Sommer finde ich besonders schön, da ich in dieser Zeit den ganzen Tag im Pool meiner Pflegeeltern baden kann.

Ich fände es schön, wenn an den Wochenenden ein gleichaltriges Mädchen zu den Pflegeeltern kommen würde. Ich hätte dann eine Freundin, welche ich regelmässig treffen würde.

 

Wer und was unterstützt Dich im Alltag und hilft Dir in guten wie in schwierigen Zeiten?

Nathalie: Mir hilft, dass ich so viele Menschen um mich habe. Mit meinen Pflegeeltern habe ich weitere zwei Personen erhalten, welche mich unterstützen. Auch den Kontakt zu den Kindern meiner Pflegeeltern habe ich sehr gerne. Ich fühle mich willkommen und in der Pflegefamilie aufgenommen.

 

Wie erlebst Du die Pflegeeltern und die Pflegegeschwister und die Kinder im Dorf?

Nathalie: Ich mag den Kontakt zu den Töchtern meiner Pflegeeltern, ich finde dies sehr schön. Da die Kinder meiner Pflegeeltern in der Nähe wohnen, besuche ich sie zum Teil spontan. Im Sommer treffe ich die anderen Kinder im Quartier mehr, da sich diese öfters draussen sind. Sie durften auch schon mit mir im Pool baden!

 

Welchen Tipp würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?

Nathalie: Ich würde genau nachfragen, wie es bei den Pflegeeltern aussieht, ob Kinder oder Tiere bei ihnen leben und wie sie wohnen. Wichtig finde ich es auch, dass man gut auf sein eigenes Gefühl hört. Kann man sich vorstellen, Wochenenden mit diesen Pflegeeltern zu verbringen? Sind mir diese Erwachsenen sympathisch? Nur so kann man sich auf die Wochenenden bei seinen Pflegeltern freuen und die Zeit geniessen.

 

Was möchtest Du mir sonst noch sagen zu Deiner Zeit in der Pflegefamilie? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern? Wie wird der Kontakt zu den Pflegeeltern in drei Jahren sein, wenn Du 16 Jahre alt bist?

Nathalie: Für mich ist die Situation so wie sie ist absolut ok und ich würde nichts ändern wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich weiterhin zu meinen Pflegeeltern gehen werde und dort weitere schöne Wochenenden verbringe, auch wenn ich 16 bin!


Was Eltern Sagen, deren Kinder bei Pflegeeltern leben

 

Mittel- und langfristige Aufnahme MLP

Die Pflegefamilie nimmt 1-2 Kinder auf und die Kinder bleiben in der Regel mindestens zwei Jahre in der Pflegefamilie. Je nach Situation der Eltern besuchen die Kinder ihre Eltern an Wochenenden und in Ferien.

 

Interview mit Vater und Mutter von Lukas

Der Vater des heute 7-jährigen Lukas hat eine Lernbehinderung, die Mutter eine leichte Behinderung. Sie arbeiten tagsüber in den Werkstätten der Stiftung Brändi. Lukas haben sie die ersten 18 Monate selber betreut, anschliessend wurde Lukas in eine Pflegefamilie aufgenommen. Die Eltern haben Lukas regelmässig an den Wochenenden und teilweise in den Ferien bei sich zu Hause und werden dabei von der Pro Infirmis (Begleitetes Wohnen) unterstützt.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Lukas in einer Pflegefamilie lebt?

Herr Huwyler: Lukas lebte fast 18 Monate bei uns und wir schauten zu ihm. Ich arbeitete und meine Partnerin kümmerte sich den ganzen Tag um Lukas. Eine Frau von Pro Infirmis kam mehrmals in der Woche vorbei und unterstützte uns. Es war nicht nur einfach diese Zeit, mit Haushalt und Kind und der Arbeit.

Frau Huwyler: Die Beiständin von Lukas legte uns nahe, Lukas in eine Pflegefamilie zu geben. Wir bedauern es bis heute, dass uns keine anderen Betreuungsangebote und Möglichkeiten angeboten wurden. Eigentlich wollten wir dies ja nicht, aber schliesslich kam Lukas in eine Pflegefamilie.

 

Wie gestalten Sie den Kontakt zu Lukas?

Frau Huwyler: Lukas verbringt alle 2 Wochen ein Wochenende bei uns. Am Samstagmorgen machen wir gemeinsam einen Ausflug, den wir mit der Frau von der Pro Infirmis vorbereiten, z.B. ins Museum, Verkehrshaus, Enten füttern, Krienseregg, usw. Wir freuen uns immer sehr, wenn Lukas bei uns ist und dass er gesund ist. Schwierig ist es nur nach den Wochenenden, wenn wir Lukas dazu motivieren müssen, wieder in die Pflegefamilie zurückzugehen. Es hilft ihm, wenn wir ihn dann auf die Schule und seine Klassenkameraden aufmerksam machen, da er sehr gerne in die Schule geht.

 

Wie können Sie Lukas helfen, diese Situation positiv zu erleben?

Frau Huwyler: Wir motivieren ihn immer wieder, dass er ja bei den anderen Kindern der Pflegefamilie sein kann, denn er mag diese sehr. Wir erklären ihm auch, dass er mehr lernen kann, wenn er in der Pflegefamilie lebt.

 

Was finden Sie am Schwierigsten daran, dass Lukas nicht bei Ihnen lebt?

Herr Huwyler: Das Schwierigste ist für uns, das Hin und Her: wenn Lukas kommt, mit ihm wieder einen guten Kontakt herstellen und dann nach dem Wochenende ihn wieder loslassen und zurückbringen. Mir ist die Zeit immer zu kurz.

 

Von wem werden Sie unterstützt, um mit dieser anspruchsvollen Situation besser umgehen zu können?

Frau Huwyler: Die Mitarbeiterin der Pro Infirmis hilft uns viel, ebenso haben wir guten Kontakt zur Mitarbeiterin der Fachstelle und zu den Pflegeeltern.

 

 

Notaufnahme NOP

Kurzfristig und für eine maximale Dauer von einem halben Jahr werden Kindern und Jugendliche in speziell ausgebildete Pflegefamilien aufgenommen. Bei der Fachstelle Kinderbetreuung sind 20 NOP-Pflegefamilien angestellt.

 

Interview mit Familie Müller

Frau Müller ist alleinerziehend und lebt mit ihren beiden Töchtern Sonja, 14jährig und Simone, 12jährig. Die Beziehung zu Sonja hat sich im letzten Jahr sehr verändert und war geprägt von Auseinandersetzungen und Machtkämpfen und es kam zu verschiedenen Vorfällen wie Schule schwänzen und Diebstahl. Frau Müller machte sich grosse Sorgen um Sonja. Trotz verschiedener eigener Versuche und der Hilfe der Beiständin gelang es nicht, die schwierige Situation zu verbessern. Deswegen entschied sich die Mutter zusammen mit der Beiständin für eine Notaufnahme Pflegefamilie der Fachstelle Kinderbetreuung. Sonja lebte 4 Monate in der Pflegefamilie und kehrte danach wieder zu ihrer Mutter zurück.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Kind in einer Pflegefamilie lebte?
Sonja respektierte mich als Mutter nicht mehr, hielt sich an keine Abmachungen und wollte mit 14 Jahren schon vieles selbständig entscheiden. Zudem wurde sie durch den Umgang mit älteren Jugendlichen negativ beeinflusst. Ich kam als Mutter nicht mehr an Sonja heran. Nach den Vorfällen mit Diebstahl und Schulschwänzen wusste ich: jetzt muss etwas geschehen, damit sie nicht definitiv auf die schiefe Bahn gerät.

 

Hatten sie während der Notaufnahmezeit Kontakt zu ihrer Tochter, was war daran schön, was eher schwierig?
Zu Beginn war abgemacht, dass sich Sonja als Erste telefonisch bei mir meldet. Die Zeit bis zu diesem ersten Telefon war für mich schwierig auszuhalten. Als sie dann anrief tönte sie gut und aufgestellt, was mich sehr beruhigte. Später wurden dann Wochenenden vereinbart an denen sie wieder nach Hause kam. Schwierig waren für mich die Vorwürfe, die mir Sonja. machte. Warum musste ich weg, warum hast du mich weggegeben? Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich das für sie gemacht habe.

 

Was denken Sie, war für ihre Tochter hilfreich, während sie in der Pflegefamilie lebte?
Die Pflegefamilie nahm Sonja offen auf und war bemüht und unterstützte Sonja in Schule und Freizeit. Sie nahmen sich Zeit für die Anliegen von ihr. An den Standortgesprächen war Sonja mit dabei und durfte mitreden. Von der Pflegefamilie erhielt sie immer wieder Lob für ihr Verhalten.

 

Wie glauben Sie, wie konnten Sie Ihrer Tochter helfen, diese Situation positiv zu erleben?
Ich versuchte wieder vermehrt mit ihr ins Gespräch zu kommen und konnte auch wieder positive Gefühle ihr gegenüber empfinden.

 

Was fanden Sie am Schwierigsten an der Tatsache, dass Ihr Kind in dieser Zeit nicht bei Ihnen lebte?
Dass ich zu Beginn warten musste, bis sich Sonja bei mir meldete, war für mich schwierig. Und ihre Vorwürfe wie z.B „Wenn Du mich gern hättest, würdest du mich nicht in eine Pflegefamilie geben!“ machten mir zu schaffen, da sie Schuldgefühle bei mir auslösten.

 

Von wem wurden Sie unterstützt, um mit dieser anspruchsvollen Situation besser umgehen zu können?
Ich hatte regelmässigen Kontakt mit dem pädagogischen Leiter der Fachstelle Kinderbetreuung. Er informierte mich über alle wichtigen Ereignisse in der Pflegefamilie und in der Schule. Zudem war es für mich eine Möglichkeit, meine eigene Situation zu besprechen.
Die Pflegefamilie begegnete mir stets zuvorkommend und positiv. Ich hatte den Eindruck, dass Sonja bei ihnen gut aufgehoben ist.

 

Was denken Sie: wo wird Ihr Kind in 2 Jahren leben?
Ich hoffe sehr, dass Sonja nach wie vor bei mir wohnen und am Beginn ihrer Lehre stehen wird. Die Chancen dafür schätze ich positiv ein. Sollte die Situation zu Hause wieder eskalieren würde ich auch ein zweites Mal wieder gleich reagieren.

 

 

Entlastungsplätze EPL

Die Kinder und Jugendlichen leben 1-3 Tage pro Woche oder an Wochenenden und in Schulferien in der Pflegefamilie. Teilweise wird das Angebot der Entlastungsplätze mit der ambulanten Familienunterstützung kombiniert. Bei der Fachstelle Kinderbetreuung sind zurzeit 15 EPL-Pflegefamilien angestellt.

 

Interview mit Familie Egger

Frau Egger lebt mit ihren drei Kindern zusammen, zwei Kinder besuchen regelmässig am Wochenende ihren Vater, die 12jährige Rahel stammt aus einer früheren Beziehung und hat keinen Kontakt zu ihrem leiblichen Vater. Rahel lebt 1x im Monat und während zwei Wochen im Jahr in einer Wochenendfamilie der Fachstelle Kinderbetreuung.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Kind Wochenenden und Ferien bei einer Pflegefamilie verbringt?
Vor vier Jahren trennte ich mich von meinem damaligen Partner. In dieser Zeit gab es viele Turbulenzen und Stresssituationen. Hinzu kam, dass ich an einer Erschöpfungsdepression litt und ich für meine 3 Kinder alleine sorgte. Rahel weigerte sich, die Wochenenden beim Vater ihrer Stiefbrüder zu verbringen und zu ihrem eigenen Vater hatte sie keinen Kontakt. So habe ich mich entschieden, dass Rahel monatlich ein Wochenende bei einer Pflegefamilie verbringt. Für mich als Mutter ist dies entlastend.

 

Wie erleben Sie den Kontakt mit den Pflegeeltern?
Der Kontakt zur Pflegefamilie hat von Beginn an gut funktioniert. Wir telefonieren zum Teil auch unter der Woche. Beim Einstieg habe ich es als sehr angenehm empfunden, dass wir vor dem ersten „normalen“ Wochenende einen Kennenlerntag mit der Pflegefamilie geniessen durften. Die Beziehung zur Pflegefamilie ist sehr angenehm und unkompliziert.

 

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Pflegeeltern bei der Entwicklung von Rahel?
Die Pflegeeltern sind für Rahel wie Tante und Onkel und besonders die Beziehung zur Pflegemutter ist wichtig für sie. Wenn diese Wochenenden zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich sein werden (Zeitliche Ressourcen, Alter, andere Ausrichtung, etc.) würde dies für Rahel sicherlich einen grossen Einschnitt und Verlust bedeuten. Für Rahel machen diese monatlichen Besuche einen wesentlichen Teil in ihrem Leben aus.

 

Was glauben Sie, welchen Nutzen kann Ihr Kind aus diesem Angebot ziehen?
Rahel hat zwei Bezugspersonen für sich alleine. Sie kann aus dem Alltag ausbrechen und ihr Wochenende bei ihren Pflegeeltern geniessen. Sie freut sich immer auf die Wochenenden, sie sind ein besonderer Höhepunkte für Rahel. Rahel lernt so auch ein zweites Familienleben kann, das finde ich gut für sie.

 

Gibt es für Sie Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Entlastungsplatzangebot?
Nein es gibt keine Probleme oder Schwierigkeiten! Das Angebot ist für mich und Rahel überwiegend positiv.

 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Fachstelle Kinderbetreuung?
Während den vergangenen sechs Jahren habe mich an die Zusammenarbeit und den Umgang mit verschiedenen Ämtern gewöhnt. Aus diesem Grund ist es für mich auch nichts Spezielles, dass noch eine dritte Person (ein Mitarbeiter der Geschäftsstelle) in das Ganze involviert ist und die regelmässigen Gespräche mit ihm und den Pflegeeltern finde ich angenehm. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass dieses System für eine Person, welche zum ersten Mal mit der Fachstelle zusammenarbeitet, irritierend sein kann.

 

Werden Sie und Ihr Kind diesen Entlastungsplatz auch in Zukunft beanspruchen?
Wir werden das Angebot noch so lange als möglich in Anspruch nehmen. Es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt. Eins kann ich sagen, wenn Rahel nicht mehr zur Pflegefamilie gehen kann, wird ihr etwas fehlen.


Bücher zum Thema Pflegekind

Folgend gelangen Sie zur einigen Büchern zum Thema.