partizipation der pflegekinder

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Die Teilnahme an Entscheidungsprozessen und die Beteiligung der Kinder im Alltag in der Pflegefamilie haben wir im Jahr 2009 bei Fachleitungen und Pflegeeltern in den Vordergrund gestellt. Die Partizipation der Kinder betrifft alle unsere Angebote, ambulante Hilfen wie Begleitete Besuchstage. Für die folgenden Gedanken ziehe ich jedoch die Partizipation bei Pflegekindern beispielhaft bei.

In unserem Leitbild steht der Satz: „Wir stellen das Kind ins Zentrum unserer Überlegungen, Entscheidungen und Handlungen.“ Damit wir diesem Leitsatz nachleben, ist es notwendig die Perspektive des Kindes einzubeziehen. Seine Perspektive können wir besser erfassen, wenn wir die folgenden Aspekte berücksichtigen:

Verständnis

Hat das Pflegekind genügend und die richtigen Informationen, um seine Situation zu verstehen?

Selbstwirksamkeit

Hat das Kind genügend Hilfestellungen und Anregungen, welche ihm zeigen, dass es sein Leben selber (mit)gestalten kann. Ermöglichen wir ihm Erfolgserlebnisse, welche es in der Selbstbewältigung bestätigen?  

Sinn

Verfügt das Kind über eine eigene Begründung, eine persönliche Interpretation seiner jetzigen Lebenssituation in der Pflegefamilie? Wie können wir ihm bei der Sinnfindung und beim Akzeptieren seiner Lebenssituation helfen?

Um dies herauszufinden, brauchen wir eine persönliche Beziehung zu den Kindern über das Gespräch oder andere Zugänge. Verkürzt gesagt, das Kind hat Anrecht auf Information, Mitwirkung und Selbstbestimmung, drei wichtige Formen der Partizipation:

Information

In vielen Situationen, vor allem auch in Krisenphasen, in denen Erwachsene (Gerichte, Behörden, unsere Fachleitungen, die Eltern oder die Pflegeeltern) wichtige Entscheide treffen, soll das Kind gehört und über die die Entscheidungshintergründe informiert werden. Entscheide der Erwachsenen müssen sich am Wohl des Kindes orientieren. Der Wille des Kindes muss bei Entscheidungen Erwachsener bekannt sein, ist aber nicht gleichzustellen mit dem Wohl des Kindes.

„Ein am Wohl des Kindes ausgerichtetes Handeln ist dasjenige Handeln, welches die – an den Grundbedürfnissen und Grundrechten von Kindern orientierte – für das Kind jeweils günstigste Handlungsalternative wählt.“
(
Jörg Maywald, Sprecher der Nationalen Koalition für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland)

Mitwirkung

Bei vielen Themen können Kinder aktiv mitreden, mitwirken und Einfluss nehmen, so zum Beispiel bei der Freizeitgestaltung der Pflegefamilie, beim Menueplan, bei Fragen rund um Besuche bei den eigenen Eltern, bei der Schulwahl.   

Selbstbestimmung

Es braucht einen Raum, in dem das Kind die Selbstbestimmung üben und erfahren kann, zum Beispiel bei der Verwendung des Sackgelds, in der Gestaltung des Zimmers, in der Kleiderwahl.

Ob Information, Mitwirkung oder Selbstbestimmung angezeigt ist, ist abhängig vom Thema, der aktuellen Situation und dem Alter des Kindes. Je älter das Kind wird, um so grösser soll sein Selbstbestimmungsraum werden.

Wie setzen wir die Partizipation um? Einige Beispiele dazu:

Bei der Aufnahme:

Ältere Kinder und Jugendliche erhalten zur Vorbereitung der Aufnahmegespräche Fragen u.a. zu ihren Wünschen und Erwartungen, die im Gespräch aufgenommen werden.

Notaufnahme-Kinder, die ja oft sehr wenig auf ihre Aufnahme vorbereitet werden können, erleben ein Gespräch an der Geschäftsstelle, in welchem sie nach ihren Anliegen befragt und über ihre Aufnahme informiert werden. Später, bei der Ankunft in der Notaufnahmefamilie, folgt ein Einführungsritual zum gegenseitigen Kennenlernen und Informationsaustausch.  

Nach der Aufnahme:

Die Fachleitungen, schaffen regelmässigen persönlichen Kontakt zu den Pflegekindern, auch ohne Anwesenheit der Pflegeeltern, damit die Kinder die Möglichkeit haben, ihre Sicht einzubringen. Bei Bedarf organisieren die Fachleitungen Gespräche mit Pflegekind und Pflegeeltern ev. zusammen mit den Pflegegeschwister oder mit den eigenen Eltern.

In regelmässigen Gesprächen, sogenannten Standortgesprächen, können vor allem die älteren Kinder ihre Meinung bei Anwesenheit der Beistände und eigenen Eltern einbringen. 

Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden:

Die Mitarbeitenden haben den Auftrag, die Partizipation bei jedem Kind regelmässig zu thematisieren und zu fördern. Die Umsetzung nehmen wir in den laufenden Fortbildungen und Situationsbesprechungen (Fallbesprechungen) sowie in der Praxisberatung der Pflegeeltern auf. Wir orientieren uns dabei an unserem Leitbild und dem europäischen Betreuungsstandard „Quality4Children“.

Die Resilienzforschung (die Forschung über die erfolgreiche Bewältigung von Risikobedingungen) bestätigt, dass Partizipation, welche

- das Verstehen der Lebenssituation („aha, darum bin ich hier“)

- das Erfahren der Selbstwirksamkeit in seinem Leben („ich kann mein Leben aktiv mitgestalten“)

- die Sinnfindung in der eigenen Lebenssituation (z.B. „ich wäre zwar lieber bei meinen Eltern, aber ich habe hier doch mehr Halt als zu Hause“) 

fördert, äusserst relevante Voraussetzungen für eine gelingende Entwicklung darstellen.

Eine Unterstützung dabei ist die Biographiearbeit unter Einbezug der eigenen Eltern und Pflegeeltern. Sie ist Bestandteil unseres Konzepts und hilft den Kindern, den eigenen Lebensweg besser kennen zu lernen und damit die eigene Identität zu ergründen.

Partizipation und Loyalität gegenüber Eltern und Pflegeeltern

Die eigene Lebensgeschichte und die Eltern haben bei der Umsetzung der Partizipation von Pflegekindern spezielle Bedeutung:

Kinder und Pflegekinder im besondern fühlen sich ihren eigenen Eltern und - vielfach in zweiter Linie - den Pflegeeltern verbunden und verpflichtet. Damit leben sie in zwei Welten und sind so oft mit ganz verschiedenen Erwartungen und Ansprüchen konfrontiert. Diese können ihnen den Zugang zu sich selber und zur Erkenntnis einer Selbstwirksamkeit und einer eigenen Sinngebung erschweren. Es stellt sich daher die Frage, wie weit die aktuellen Haltungen, Meinungen und Wünsche der Pflegekinder Loyalitätsbezeugungen zu einer oder beider dieser Welten bedeuten und auf welche Weise wir ihnen helfen können, auf sich selber zu hören. Viele Kinder brauchen dazu die „Erlaubnis“ der Eltern und Pflegeeltern. Gespräche und Erkenntnisse zu dieser Thematik unter den beteiligten Erwachsenen können deshalb die Partizipation der Kinder entscheidend fördern und damit deren Überzeugung, dass sie ihr Leben aktiv mitgestalten können.

Stephan Immoos, Geschäftsleiter