Biografiearbeit

Pflegekinder sind oft schon in ihren ersten Jahren, bevor sie sprechen oder begrifflich denken können, von Brüchen betroffen oder haben schwerwiegende physische oder psychische Verletzungen erlitten. Sie haben als Kind, als Jugendliche und als junge Erwachsene Erinnerungen an das, was nicht hätte passieren sollen, können diese Erinnerungen aber nicht oder nur teilweise formulieren oder in einen Zusammenhang bringen. Dadurch binden diese Erlebnisse und Erinnerungen Energie, die eigentlich für die kindliche Entwicklung und die Entwicklung einer positiven Lebensperspektive nötig wären.
Indem wir mit den Kindern biografisch arbeiten, unterstützen wir sie in ihrer Entwicklung. Die Kinder haben die Möglichkeit, mit einer ihnen bekannten Vertrauensperson über ihre Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle zu sprechen. Sie haben die Gelegenheit, Fragen zu ihrer Vergangenheit zu stellen, sie erhalten auch auf schwierige Fragen Antwort und sie werden ermutigt, über sich selber nachzudenken und die eigenen Gefühle und Wünsche zu formulieren.
Welche Fragen sind denn für Pflegekinder wichtig?
Warum lebe ich nicht bei meinen Eltern wie andere Kinder auch? Warum wurde ich ihnen weggenommen? Warum haben sie mich weggeben? Wer ist mein Vater? Wer ist meine Mutter? Habe ich Geschwister? Wo lebte ich als Kleinkind? Warum habe ich als ich in den Kindergarten ging, bei meiner Tante gewohnt? Was heisst drogenabhängig? Warum ist meine Mutter im Spital? Warum kommen meine Eltern mich am Wochenende nicht abholen wie versprochen? Warum habe ich Narben an meinen Händen? Warum schweigt meine Grossmutter, wenn ich frage, wo meine Schwester ist? Warum ist mein kleiner Bruder plötzlich gestorben?
Welche Selbstbilder entwickeln Pflegekinder?
Niemand hat mich lieb. Niemand will mich wirklich. Die eigenen Kinder der Pflegefamilie können alles besser als ich. Ich habe keinen Freund. Ich bin schuld, dass meine Eltern gestritten haben und jetzt geschieden sind. Wenn ich lieb gewesen wäre, würde ich nun nicht in der Pflegefamilie leben.
Biografiearbeit als Methode hilft dem Kind bei der Beantwortung der Grundfragen des Lebens: Woher komme ich, wer bin ich geworden, wie will ich werden?
Dokumentation des eigenen Lebens
Biografiearbeit soll den Kindern ermöglichen, ihr Leben als Kontinuum zu sehen, indem sie erfahren, wo sie geboren sind, mit wem sie zusammengelebt haben, welche Wechsel sie erlebt haben und warum diesie stattgefunden haben. Biografiearbeit bringt also die oftmals verschiedenen Wechsel und Brüche in einen logischen und chronologischen Zusammenhang, wir dokumentieren sie anschaulich mit dem Kind zusammen. Das Wissen darüber nehmen wir als Grundlage, um darüber zu sprechen, die damit verbundenen Gefühle wahrzunehmen und den Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen.
Identitätsentwicklung
Wer bin ich? Was kann ich? Was mache ich gerne? Was liebe ich? Wovor fürchte ich mich? Was ist ein guter Tag, was ein schlechter? Wo brauche ich Unterstützung? Wie fühle ich mich heute? Was mache ich mit meinen schlechten Gefühlen? Bin ich okay, so wie ich bin?
Indem das Kind sich im Gespräch, über Erlebnisse und kreatives Gestalten mit sich selber befasst und sein Selbstbild mit Zeichnungen, mit Notizen, mit Erlebnissen, mit Briefen usw. dokumentiert, wird sein Selbstbewusstsein und sein Selbstvertrauen gestärkt. Das Kind erfährt sich als einmalige Persönlichkeit mit starken und schwachen Seiten.
Die Last der Vergangenheit ist da, aber die Gegenwart ist lebenswert und hält Perspektiven offen. Identität entwickeln heisst zu wissen, woher ich komme, wer ich bin, warum ich so geworden bin, und darüber nachzudenken, wer ich werden will, welche Zukunftspläne ich habe, was mir wichtig ist und wie ich meine Ziele verwirklichen kann.
Zusammenarbeit
Das Pflegekind ist ein Kind mit einem ausgedehnten Beziehungs- und Betreuungsnetz. Es lebt über kürzere oder längere Zeit bei Pflegeeltern, die es betreuen und begleiten, ihm Zuwendung geben und es in seiner Entwicklung unterstützen. Das Pflegekind hat aber auch ein Herkunftsfamiliensystem (Eltern, Geschwister, Grosseltern, Tanten, Götti usw.), das sich um es kümmert, dem es in unterschiedlichem Masse anvertraut wird, dem es nicht nur biologisch, sondern auch beziehungsmässig zugehörig ist. Das Kind hat auch eine behördliche Betreuungsperson, die um sein Wohl besorgt ist und es begleitet. Oftmals erfährt das Kind auch Unterstützung durch einen Therapeuten.
Biografiearbeit als Unterstützung der kindlichen Entwicklung verlangt nach guter Zusammenarbeit auf der Erwachsenenebene. Die Bereichsleitung leitet und koordiniert die Arbeit mit dem Kind, sie ist in Kontakt mit dem Herkunftsfamiliensystem und der behördlichen Betreuungsperson des Kindes, holt dort Informationen ein und bezieht die Personen situationsgerecht in den Prozess mit ein. So kann es für das Kind sehr hilfreich sein, wenn ihm eine Bezugsperson aus dem Herkunftssystem oder sein Beistand erzählt, wie es zur Aufnahme in die Pflegefamilie kam und dass sie mit dem Entscheid einverstanden waren resp. ihn gefällt haben. Dem Kind hilft auch, wenn es von jemandem aus seinem Herkunftssystem erfährt, wie es als Kleinkind war, woran es Freude hatte, was es gut konnte usw. Das Herkunftssystem kann in Zusammenarbeit mit der Bereichsleitung und den Pflegeeltern dem Kind viel Klarheit bezüglich seiner Vergangenheit geben, an den Pflegeeltern liegt es, mit dem Kind die Gegenwart zu ordnen und mit ihm -immer unter derLeitung der Bereichsleitung- Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.
Biografiearbeit als Methode, dem Kind Sicherheit und Selbstvertrauen zu geben, hat nicht in allen stationären Angeboten der Fachstelle Kinderbetreuung die gleiche Funktion:
Mittel- und langfristige Plätze MLP und SPP
Für Kinder, die über Jahre in einer Pflegefamilie leben oder dort einen grossen Teil ihrer Kindheit und Jugendzeit verbringen, ist die Biografiearbeit eine hilfreiche Methode der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ziel ist, das Leben, die verschiedenen Stationen im Leben des Kindes, in einem „Lebensbuch" zu dokumentieren.
Notaufnahmeplätze NOP
Biografiearbeit während der NOP-Zeit dient in erster Linie der Dokumentation des Aufenthaltes und den damit verbundenen und gemachten Erfahrungen und Erlebnissen. Wir dokumentieren für und mit dem Kind die Aufenthaltsdauer, die Lebenssituation der Pflegefamilie, seine Beziehungen innerhalb der Familie und im sozialen Umfeld. Wir sprechen mit dem Kind darüber, warum es für eine Zeitdauer in der Pflegefamilie lebt und wo es nachher leben wird.