Was Pflegekinder sagen

Interview mit Levon (langfristige Aufnahme)
Levon, 15 Jahre, lebt seit 5 Jahren in einer Pflegefamilie. Die Eltern des 15jährigen Levons kämpfen seit vielen Jahren gegen ihre Suchtprobleme. Die Mutter konsumierte harte Drogen, der Vater Alkohol. Beide Eltern haben mehrfach einen Entzug gemacht und versuchen immer wieder, Stabilität in ihr Leben zu bringen. Levon lebte kurze Zeit bei seinen Eltern, später bei Verwandten. Jetzt lebt er seit 5 Jahren in einer Pflegefamilie. Zu den Eltern hat er regelmässigen Kontakt, sofern sie nicht in stationärer Behandlung sind.
Weißt Du, was der Grund war, wieso Du damals in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen eine gute, sinnvolle Entscheidung?
Levon: Wegen Mami und Papi. Weil sie Drogen genommen haben. Es ging bei uns Zuhause nicht so gut und dies hat mich bedrückt. Ja, das war eine richtige Entscheidung.
Wie ordnest Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie rückblickend in dein Leben ein? Was erlebst du positiv, was eher belastend?
Levon: Es geht. Das Beste ist es nicht gewesen, ich wäre lieber bei meinen Eltern geblieben. Positiv daran war/ist, dass ich die schwierigen Situationen zu Hause mit Mami und Papi nicht miterleben musste. Belastend ist, dass ich Mami und Papi nicht viel sehen kann.
Was hat Dir gefällt Dir am Leben in der Pflegefamilie, was vermisst Du? Was ist für Dich das Tollste in der Pflegefamilie?
Levon: In der Pflegefamilie gefällt mir, dass ich in einer Familie leben kann. Sie haben mich gut aufgenommen und ich lebe gerne da. Vermissen tue ich meine Eltern. Ich möchte gerne mehr in ihrer Nähe sein.
Das Tollste ist, dass wir gemeinsame Ausflüge mit der Pflegefamilie machen.
Wer und was unterstützt Dich im Alltag und hilft Dir in guten wie in schwierigen Zeiten?
Levon: Mit den Eltern kann ich über meine Probleme reden, sie helfen mir, dass es mir nachher besser geht.
Am liebsten bin ich alleine, wenn es mir mal nicht so gut geht, manchmal Boxe ich auch in den Boxsack.
Wie erlebst Du die Pflegeeltern und die Pflegegeschwister und die Kinder im Dorf?
Levon: Meistens ist der Kontakt zu den Pflegeeltern und den Pflegegeschwister gut. Mir geht es gut in der Pflegefamilie, wir haben gute sowie schlechte Zeiten miteinander. In der Schule habe ich gute Kollegen.
Welchen Tipp würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?
Levon: Mein Tipp ist: Respektiere die Pflegeeltern.
Was möchtest Du sonst noch sagen? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern?
Levon: Die Standortgespräche müssten nicht sein, ändern kann man an diesen Gesprächen sowieso nicht viel. Die Fachstelle setzt sich für mich ein. Ich merke, dass sich mein Bereichsleiter für mich interessiert, er schaut, dass es mir gut geht.
Interview mit Nathalie (Entlastungsplatz)
Die Kinder und Jugendlichen leben 1-3 Tage pro Woche oder an Wochenenden und in Schulferien in der Pflegefamilie. Teilweise wird das Angebot der Entlastungsplätze mit der ambulanten Familienunterstützung kombiniert. Nathalie, 13 Jahre, verbringt seit 4 Jahren ein Wochenende im Monat und zwei Wochen Sommerferien in der Pflegefamilie.
Nathalies Eltern haben sich vor vielen Jahren getrennt, auch von Nathalies Stiefvater hat sich die Mutter vor Jahren getrennt. Nathalie hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Sie lebt bei ihrer Mutter und ihren Halbgeschwistern, eine ihrer Schwestern hat eine Behinderung, der Bruder braucht viel Betreuung im Alltag aufgrund eines ADHS. Die Mutter ist mit den drei Kindern sehr gefordert. Wenn die Halbgeschwister am Wochenende zu ihrem Vater und Nathalie in die Pflegefamilie gehen, hat die Mutter zwei Tage um sich zu erholen, um so gestärkt den Herausforderungen des Familienalltags entgegenzutreten.
Weisst Du, was der Grund war, wieso Du damals in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen eine gute, sinnvolle Entscheidung?
Nathalie: Meiner Mutter ging es nach der intensiven Trennung von meinem Stiefvater gesundheitlich nicht so gut. Der Alltag mit uns Kindern war für sie sehr anstrengend. Vor allem meine Geschwister benötigten in dieser Zeit viel Aufmerksamkeit von meiner Mutter, da sie noch klein waren. Auch in dieser Zeit -wie auch heute- sah ich meinen Vater kaum. Ich konnte regelmässig mit meinen Halbgeschwistern zu „meinen Grosseltern" (Grosseltern meiner Halbgeschwister), auch Gotte und Götti traf ich ab und zu.
Die Idee, dass ich einmal im Monat ein Wochenende zu „meiner Pflegefamilie" gehen kann finde ich auch heute nach vier Jahren noch sehr gut. Ich habe in diesen vier Jahren eine gute Beziehung aufbauen können und habe viele Leute kennen gelernt.
Wie erlebst Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie? Was erlebst du positiv, was eher belastend? Was fehlt Dir respektive was ist für Dich das Tollste in der Pflegefamilie?
Nathalie: Am Anfang fühlte ich mich an den Wochenenden etwas einsam. Es war für mich so ungewohnt, dass sich erwachsene Personen ein ganzes Wochenende für mich Zeit nehmen In der Zwischenzeit geniesse ich genau dies, ich kann ausspannen und mich erholen.
Ich gehe immer gerne zu meinen Pflegeeltern. Ich hatte nur einmal Mühe zu gehen, nämlich dann als meine Grossmutter gestorben ist und ich eigentlich nicht gehen wollte. Am meisten freue ich mich auf die Enkelkinder meiner Pflegeeltern, welche ich an den Wochenenden hüten darf. Die Wochenenden und Ferientage im Sommer finde ich besonders schön, da ich in dieser Zeit den ganzen Tag im Pool meiner Pflegeeltern baden kann.
Ich fände es schön, wenn an den Wochenenden ein gleichaltriges Mädchen zu den Pflegeeltern kommen würde. Ich hätte dann eine Freundin, welche ich regelmässig treffen würde.
Wer und was unterstützt Dich im Alltag und hilft Dir in guten wie in schwierigen Zeiten?
Nathalie: Mir hilft, dass ich so viele Menschen um mich habe. Mit meinen Pflegeeltern habe ich weitere zwei Personen erhalten, welche mich unterstützen. Auch den Kontakt zu den Kindern meiner Pflegeeltern habe ich sehr gerne. Ich fühle mich Willkommen und in der Pflegefamilie aufgenommen.
Wie erlebst Du die Pflegeeltern und die Pflegegeschwister und die Kinder im Dorf?
Nathalie: Ich mag den Kontakt zu den Töchtern meiner Pflegeeltern, ich finde dies sehr schön. Da die Kinder meiner Pflegeeltern in der Nähe wohnen, besuche ich sie zum Teil spontan.
Im Sommer treffe ich die anderen Kinder im Quartier mehr, da sich diese öfters draussen sind. Sie durften auch schon mit mir im Pool baden!
Welchen Tipp würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?
Nathalie: Ich würde genau nachfragen, wie es bei den Pflegeeltern aussieht, ob Kinder oder Tiere bei ihnen leben und wie sie wohnen. Wichtig finde ich es auch, dass man gut auf sein eigenes Gefühl hört. Kann man sich vorstellen, Wochenenden mit diesen Pflegeeltern zu verbringen? Sind mir diese Erwachsenen sympathisch? Nur so kann man sich auf die Wochenenden bei seinen Pflegeltern freuen und die Zeit geniessen.
Was möchtest Du mir sonst noch sagen zu Deiner Zeit in der Pflegefamilie? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern? Wie wird der Kontakt zu den Pflegeeltern in drei Jahren sein, wenn Du 16 Jahre alt bist?
Nathalie: Für mich ist die Situation so wie sie ist absolut ok und ich würde nichts ändern wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich weiterhin zu meinen Pflegeeltern gehen werde und dort weitere schöne Wochenenden verbringe, auch wenn ich 16 bin!
Interview mit Milva (Notaufnahme)
Kurzfristig und für eine maximale Dauer von einem halben Jahr werden Kindern und Jugendliche in speziell ausgebildete Pflegefamilien aufgenommen. Ziel ist es u.a., während dieser Zeit eine gute Folgelösung zu finden.
Milva, 15 Jahre, lebte 8 Monate in einer Notaufnahmepflegefamilie, Austritt September 2009, Interview Februar 2010. Milva lebte ihre die 12 Lebensjahre in ihrem Heimatland Tunesien. Die ersten zwei Jahre lebte sie mit ihrer Mutter, diese emigrierte danach in die Schweiz und Milva lebte zehn Jahre bei ihrer Grossmutter. Mit 12 Jahren holte die Mutter Milva in die Schweiz zu sich und ihrem Partner. Die neue Familienkonstellation war für alle eine riesige Herausforderung. Milva freute sich, wieder mit ihrer Mutter zusammen zu leben, trotzdem war sie für Milva eine Fremde, die sie in den vergangenen 10 Jahren nur zweimal gesehen hatte. Milva steckte in der Pubertät, in einem ihr unbekannten Land, mit einem Stiefvater und ihrer Mutter, die sie kaum kannte. Es kam zu Schwierigkeiten in der Schule und zu massiven Konflikten zu hause.
Weißt Du, was der Grund war, wieso Du damals in eine Pflegefamilie gekommen bist? War dies rückwirkend gesehen aus Deiner Sicht eine gute, sinnvolle Entscheidung der zuständigen Fachpersonen und/oder Deiner Eltern?
Milva: Ja, es war eine gut Entscheidung. Ich hatte zuhause oft Streit mit meinem Stiefvater und meiner Mutter gehorchte ich oft nicht. Auch meine Mutter hatte oft wegen mir Streit mit meinem Stiefvater. Sie wollte sich von ihm trennen. Sie fragte mich, ob ich damit einverstanden sei eine Zeit in einer Familie zu leben. Ich entschied mich dafür. Rückblickend betrachtend wäre ich liebe direkt in ein Heim gegangen. Damals konnte ich mir dies nicht vorstellen und auch meine Mutter wollte das nicht.
Wie ordnest Du den Aufenthalt in der Pflegefamilie rückblickend in dein Leben ein? Was erlebst du positiv, was eher belastend?
Milva: Ich hatte Mühe mich auf etwas Neues einzulassen. Meine Mutter nur selten zu sehen war schwierig. Ich habe sie vermisst. Manchmal fühlte ich mich einsam. Die Pflegeeltern waren für mich unbekannt. Sie lebten ein zufriedenes Leben und hatten keine Probleme. Ich dagegen kam zu ihnen mit meinen Schwierigkeiten. Ich passte mich an, konnte mich aber nicht richtig einlassen.
Eigentlich hatte ich es gut. Oft hatten wir auch Spass. Wir unternahmen viele Ausfahrten und Ausflüge mit dem Velo zu Fuss oder mit dem Wohnwagen.
Wer und was hat dir damals geholfen, in guten wie in schwierigen Zeiten? Was war unterstützend für Dich?
Milva: Es war für mich schwierig mit den Pflegeeltern über meine Probleme zu sprechen. Ich weiss nicht genau warum. Ich war halt nicht ihre eigene Tochter. Für mich war es schwierig, wenn sie miteinander über meine Probleme sprachen.
Häufig war ich mit der jüngeren Tochter der Pflegefamilie zusammen. Wir verstanden uns sehr gut und hatten es oft lustig.
Heute gelingt es mir besser über meine Probleme zu sprechen, das hilft mir.
Wie ist Dein Kontakt heute zu Deinen damaligen Pflegeeltern und den Pflegegeschwistern? Zu den damaligen Kollegen und Kolleginnen aus dem Quartier, der Schule?
Milva: Ich habe noch gelegentlich Kontakt mit Sandra meiner Pflegeschwester. Sie hat mich auch schon einmal besucht. Ansonsten habe ich mit Kolleg/innen von damals noch per MSN Kontakt.
Welchen Rat, Tipp, usw. würdest Du einem anderen Kind geben, welches kurz davor ist, in eine Pflegefamilie aufgenommen zu werden?
Milva: Versuche positiv zu denken. Vielleicht wird es ja eine gute Zeit für dich und es gefällt dir gut. Denk daran, dass man über alles sprechen kann und auch sagen darf, wenn einem etwas nicht gefällt.
Was möchtest Du mir sonst noch sagen zu Deiner Zeit in der Pflegefamilie? Was sollen wir verändern resp. sicher nicht verändern?
Milva: Es ist sicher gut, dass es Familien gibt die Kinder aufnehmen. Vielleicht sind Pflegefamilien für kleinere Kinder idealer und ist es für Jugendliche besser in einer Institution zu sein.
Es ist wichtig, dass die Pflegeeltern nachfragen, wenn ein Pflegekind traurig ist, auch wenn es nicht viel sagt.