Was Eltern Sagen, deren Kinder
bei Pflegeeltern leben

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Interviews mit Eltern, deren Kind langfristig bei Pflegeeltern lebt oder notfallmässig aufgenommen wurde. Ein Interview ist mit Eltern, deren Kind zeitweise bei Pflegeeltern lebt (Entlastungsplatz).

Mittel- und langfristige Aufnahme MLP:
Die Pflegefamilie nimmt 1-2 Kinder auf und die Kinder bleiben in der Regel mindestens zwei Jahre in der Pflegefamilie. Je nach Situation der Eltern besuchen die Kinder ihre Eltern an Wochenenden und in Ferien.

Interview mit Vater und Mutter von Lukas
 
Der Vater des heute 7-jährigen Lukas hat eine Lernbehinderung, die Mutter eine leichte Be-hinderung. Sie arbeiten tagsüber in den Werkstätten der Stiftung Brändi. Lukas haben sie die ersten 18 Monate selber betreut, anschliessend wurde Lukas in eine Pflegefamilie aufgenommen. Die Eltern haben Lukas regelmässig an den Wochenenden und teilweise in den Ferien bei sich zuhause und werden dabei von der Pro Infirmis (Begleitetes Wohnen) unterstützt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Lukas in einer Pflegefamilie lebt?
 
Herr Huwyler: Lukas lebte fast 18 Monate bei uns und wir schauten zu ihm. Ich arbeitete und meine Partnerin kümmerte sich den ganzen Tag um Lukas. Eine Frau von Pro Infirmis kam mehrmals in der Woche vorbei und unterstützte uns. Es war nicht nur einfach diese Zeit, mit Haushalt und Kind und der Arbeit.

Frau Huwyler: Die Beiständin von Lukas legte uns nahe, Lukas in eine Pflegefamilie zu geben. Wir bedauern es bis heute, dass uns keine anderen Betreuungsangebote und Möglichkeiten angeboten wurden. Eigentlich wollten wir dies ja nicht, aber schliesslich kam Lukas in eine Pflegefamilie.

Wie gestalten Sie den Kontakt zu Lukas?

Frau Huwyler:
Lukas verbringt alle 2 Wochen ein Wochenende bei uns. Am Samstagmorgen machen wir gemeinsam einen Ausflug, den wir mit der Frau von der Pro Infirmis vorbereiten, zb ins Mu-seum, Verkehrshaus, Enten füttern, Krienseregg, usw. Wir freuen uns immer sehr, wenn Lu-kas bei uns ist und dass er gesund ist. Schwierig ist es nur nach den Wochenenden, wenn wir Lukas dazu motivieren müssen, wieder in die Pflegefamilie zurückzugehen. Es hilft ihm, wenn wir ihn dann auf die Schule und seine Klassenkameraden aufmerksam machen, da er sehr gerne in die Schule geht.

Wie können Sie Lukas helfen, diese Situation positiv zu erleben?

Frau Huwyler: Wir motivieren ihn immer wieder, dass er ja bei den anderen Kindern der Pflegefamilie sein kann, denn er mag diese sehr. Wir erklären ihm auch, dass er mehr lernen kann, wenn er in der Pflegefamilie lebt.

Was finden Sie am Schwierigsten daran, dass Lukas nicht bei Ihnen lebt?

Herr Huwyler: Das Schwierigste ist für uns, das Hin und Her: wenn Lukas kommt, mit ihm wieder einen guten Kontakt herstellen und dann nach dem Wochenende ihn wieder loslassen und zurückbringen. Mir ist die Zeit immer zu kurz.

Von wem werden Sie unterstützt, um mit dieser anspruchsvollen Situation besser um-gehen zu können?

Frau Huwyler: Die Mitarbeiterin der Pro Infirmis hilft uns viel, ebenso haben wir guten Kontakt zur Mitarbeiterin der Fachstelle und zu den Pflegeeltern.


Notaufnahme NOP:
Kurzfristig und für eine maximale Dauer von einem halben Jahr werden Kindern und Jugendliche in speziell ausgebildete Pflegefamilien aufgenommen. Bei der Fachstelle Kinderbetreuung sind 20 NOP-Pflegefamilien angestellt.

Interview mit Familie Müller

Frau Müller ist alleinerziehend und lebt mit ihren beiden Töchtern Sonja, 14jährig und Simone, 12jährig. Die Beziehung zu Sonja hat sich im letzten Jahr sehr verändert und war geprägt von Auseinandersetzungen und Machtkämpfen und es kam zu verschiedenen Vorfällen wie Schule schwänzen und Diebstahl. Frau Müller machte sich grosse Sorgen um Sonja. Trotz verschiedener eigener Versuche und der Hilfe der Beiständin gelang es nicht, die schwierige Situation zu verbessern. Deswegen entschied sich die Mutter zusammen mit der Beiständin für eine Notaufnahme Pflegefamilie der Fachstelle. Sonja lebte 4 Monate in der Pflegefamilie und kehrte danach wieder zu ihrer Mutter zurück.

Wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Kind in einer Pflegefamilie lebte?

Sonja respektierte mich als Mutter nicht mehr, hielt sich an keine Abmachungen und wollte mit 14 Jahren schon vieles selbständig entscheiden. Zudem wurde sie durch den Umgang mit älteren Jugendlichen negativ beeinflusst. Ich kam als Mutter nicht mehr an Sonja heran. Nach den Vorfällen mit Diebstahl und Schulschwänzen wusste ich: jetzt muss etwas geschehen, damit sie nicht definitiv auf die schiefe Bahn gerät.

Hatten sie während der Notaufnahmezeit Kontakt zu ihrer Tochter, was war daran schön, was eher schwierig?

Zu Beginn war abgemacht, dass sich Sonja als Erste telefonisch bei mir meldet. Die Zeit bis zu diesem ersten Telefon war für mich schwierig auszuhalten. Als sie dann anrief tönte sie gut und aufgestellt, was mich sehr beruhigte. Später wurden dann Wochenenden vereinbart an denen sie wieder nach Hause kam. Schwierig waren für mich die Vorwürfe, die mir Sonja. machte. Warum musste ich weg, warum hast du mich weggegeben? Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich das für sie gemacht habe.

Was denken Sie, war für ihre Tochter hilfreich, während sie in der Pflegefamilie lebte?

Die Pflegefamilie nahm Sonja offen auf und war bemüht und unterstützte Sonja in Schule und Freizeit. Sie nahmen sich Zeit für die Anliegen von ihr. An den Standortgesprächen war Sonja mit dabei und durfte mitreden. Von der Pflegefamilie erhielt sie immer wieder Lob für ihr Verhalten.

Wie glauben Sie, wie konnten Sie Ihrer Tochter helfen, diese Situation positiv zu erleben?

Ich versuchte wieder vermehrt mit ihr ins Gespräch zu kommen und konnte auch wieder positive Gefühle ihr gegenüber empfinden.

Was fanden Sie am Schwierigsten an der Tatsache, dass Ihr Kind in dieser Zeit nicht bei Ihnen lebte?

Dass ich zu Beginn warten musste, bis sich Sonja bei mir meldete, war für mich schwierig. Und ihre Vorwürfe wie z.B „Wenn Du mich gern hättest, würdest du mich nicht in eine Pflegefamilie geben!“ machten mir zu schaffen, da sie Schuldgefühle bei mir auslösten.

Von wem wurden Sie unterstützt, um mit dieser anspruchsvollen Situation besser um-gehen zu können?

Ich hatte regelmässigen Kontakt mit Herrn Häfliger von der Fachstelle Kinderbetreuung. Er informierte mich über alle wichtigen Ereignisse in der Pflegefamilie und in der Schule. Zudem war es für mich eine Möglichkeit, meine eigene Situation zu besprechen.
Die Pflegefamilie begegnete mir stets zuvorkommend und positiv. Ich hatte den Eindruck, dass Sonja bei ihnen gut aufgehoben ist.

Was denken Sie: wo wird Ihr Kind in 2 Jahren leben?

Ich hoffe sehr, dass Sonja nach wie vor bei mir wohnen und am Beginn ihrer Lehre stehen wird. Die Chancen dafür schätze ich positiv ein. Sollte die Situation zu hause wieder eskalieren würde ich auch ein zweites mal wieder gleich reagieren.


Entlastungsplätze EPL:
Die Kinder und Jugendlichen leben 1-3 Tage pro Woche oder an Wochenenden und in Schulferien in der Pflegefamilie. Teilweise wird das Angebot der Entlastungsplätze mit der ambulanten Familienunterstützung kombiniert. Bei der Fachstelle Kinderbetreuung sind zur Zeit 15 EPL-Pflegefamilien angestellt.

Interview mit Familie Egger

Frau Egger lebt mit ihren drei Kindern zusammen, zwei Kinder besuchen regelmässig am Wochenende ihren Vater, die 12jährige Rahel stammt aus einer frühren Beziehung und hat keinen Kontakt zu ihrem leiblichen Vater. Rahel lebt 1x im Monat und während zwei Wochen im Jahr in einer Wochenendfamilie der Fachstelle Kinderbetreuung.

Wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Kind Wochenenden und Ferien bei einer Pflegefamilie verbringt?

Vor vier Jahren trennte ich mich von meinem damaligen Partner. In dieser Zeit gab es viele Turbulenzen und Stresssituationen. Hinzu kam, dass ich an einer Erschöpfungsdepression litt und ich für meine 3 Kinder alleine sorgte. Rahel weigerte sich, die Wochenenden beim Vater ihrer Stiefbrüder zu verbringen und zu ihrem eigenen Vater hatte sie keinen Kontakt. So habe ich mich entschieden, dass Rahel monatlich ein Wochenende bei einer Pflegefamilie verbringt. Für mich als Mutter ist dies entlastend.

Wie erleben Sie den Kontakt mit den Pflegeeltern?

Der Kontakt zur Pflegefamilie hat von Beginn an gut funktioniert. Wir telefonieren zum Teil auch unter der Woche. Beim Einstieg habe ich es als sehr angenehm empfunden, dass wir vor dem ersten „normalen“ Wochenende einen Kennenlerntag mit der Pflegefamilie geniessen durften. Die Beziehung zur Pflegefamilie ist sehr angenehm und unkompliziert.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Pflegeeltern bei der Entwicklung von Rahel?

Die Pflegeeltern sind für Rahel wie Tante und Onkel und besonders die Beziehung zur Pfle-gemutter ist wichtig für sie. Wenn diese Wochenenden zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich sein werden (Zeitliche Ressourcen, Alter, andere Ausrichtung, etc.) würde dies für Rahel sicherlich einen grossen Einschnitt und Verlust bedeuten. Für Rahel machen diese monatlichen Besuche einen wesentlichen Teil in ihrem Leben aus.

Was glauben Sie, welchen Nutzen kann Ihr Kind aus diesem Angebot ziehen?

Rahel hat zwei Bezugspersonen für sich alleine. Sie kann aus dem Alltag ausbrechen und ihr Wochenende bei ihren Pflegeeltern geniessen. Sie freut sich immer auf die Wochenenden, sie sind ein besonderer Höhepunkte für Rahel. Rahel lernt so auch ein zweites Familieleben kann, das finde ich gut für sie.

Gibt es für Sie Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Entlastungsplatzangebot?

Nein es gibt keine Probleme oder Schwierigkeiten! Das Angebot ist für mich und Rahel überwiegend positiv.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Fachstelle?

Während den vergangenen sechs Jahren habe mich an die Zusammenarbeit und den Umgang mit verschiedenen Ämtern gewöhnt. Aus diesem Grund ist es für mich auch nichts Spezielles, dass noch eine dritte Person (ein Mitarbeiter der Geschäftsstelle) in das Ganze involviert ist und die regelmässigen Gespräche mit ihm und den Pflegeeltern finde ich angenehm. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass dieses System für eine Person, welche zum ersten Mal mit der Fachstelle zusammenarbeitet, irritierend sein kann.

Werden Sie und Ihr Kind diesen Entlastungsplatz auch in Zukunft beanspruchen?

Wir werden das Angebot noch so lange als möglich in Anspruch nehmen. Es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt. Eins kann ich sagen, wenn Rahel nicht mehr zur Pflegefamilie gehen kann, wird ihr etwas fehlen.