Informationen für Eltern

Was sagen Eltern und Kinder, die ambulante Hilfen erlebten?


Erziehungstraining

Interview mit Familie Bieri

Eine Familienarbeiterin unterstützt die Familie mit einem 6wöchigen intensiven Training bei der Familie Zuhause. Die Familienarbeiterin verbringt 70 Stunden in der Familie und ist zu Beginn täglich anwesend. Es besteht ein durchgängiger Notfalldienst für die Familie. Frau Bieri kümmert sich um Haushalt und Kinder, Herr Bieri arbeitet zu 100%. Zur Familie gehören Matthias, 17jährig, Susanne, 14jährig und Simon, 5jährig. Die Familie wurde von der Gemeinde bei uns angemeldet, da es grosse Schwierigkeiten mit Susanne gab und möglicherweise ein Schulausschluss von ihr drohte. Die Familie versuchte mehrfach, den Einsatz zu verhindern, die Gemeinde hielt am Entscheid fest, das Erziehungstraining durchzuführen.

 

Wie ist es zu diesem Familieneinsatz gekommen, wie haben Ihre Kinder auf die angekündete Hilfe reagiert?

Mutter: Es war eine Zwangsmassnahme, die von der Gemeinde gefordert wurde. Wir waren sehr schockiert darüber. Wir dachten, jetzt kommt eine Frau vorbei, die alles kontrolliert.

Matthias: Ich war froh, dass etwas verändert werden sollte.

Susanne: Ich wollte nichts mit der Familienarbeiterin zu tun haben.

 

Welches waren die grössten familiären Probleme vor dem Erziehungstraining?

Vater: Es war schwierig für mich, wirklich Vater zu sein. Zudem hatte ich grosse Zahnprobleme und war deswegen oft nicht gut drauf.

Mutter: Ich konnte mit meinem Partner nicht am gleichen Strick ziehen.

Susanne: Mir war vor dem Einsatz alles gleichgültig, ich konnte von niemandem etwas annehmen, weder vom Lehrer noch von meinen Eltern, ich habe Dinge geklaut und hatte falsche Kollegen und Kolleginnen. Mit meiner Familie wollte ich nichts zu tun haben.

 

Was hat sich durch die Hilfe positiv verbessert, was erleben Sie weiterhin schwierig?

Eltern: Wir haben wieder mehr Harmonie in der Familie und können gut miteinander reden.

Susanne: Ich bin wieder gut in der Schule und konnte sogar den Übertritt in die Sek B machen, das hätte niemand für möglich gehalten, ich selber auch nicht. Ich helfe zuhause auch wieder mehr mit und schaue mal zu meinem kleinen Bruder.

Mutter: Susanne ist wieder verlässlich, ich kann mit ihr wieder Abmachungen treffen und sie hält sich daran. Sie kann nun auch mit dem Geld umgehen. Simon hat vor dem Familieneinsatz immer alleine im Zimmer gegessen, nun isst er wieder mit uns.

 

Welche Hilfestellungen waren und sind besonders unterstützend für Sie?

Eltern: Die Familiensitzung machen wir weiterhin, je nach Bedarf. Da wir auch sonst viel mehr miteinander reden, braucht es die Sitzung nicht mehr jede Woche. Das Tierorakel brauchen wir auch ab und zu. Wir haben alle wieder mehr Lebensfreude und können gut miteinander reden.

Susanne: Mir geht es viel besser als vorher. Ich weiss nicht genau, wie dies dazu kam.

Vater: Die Familienarbeiterin motivierte mich, die Zahnbehandlung anzugehen. Nun geht es mir viel besser.

 

Wie haben sich Ihre Kinder durch den Einsatz verändert?

Mutter: Matthias fühlte sich vor dem Einsatz vernachlässigt, Susanne hat gelernt, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Würden Sie anderen Familien eine solche Hilfe empfehlen und weshalb?

Alle: Aber sicher! Es kann nur besser werden. Es hilft, wenn jemand Neutrales von aussen kommt, ohne Vorurteile.


Abklärung von schwierigen Familiensituationen

Interview mit Familie Strickler

Eine Familienarbeiterin begleitet die Familie während vier Wochen und klärt die familiären Lebensbedingungen, die Erziehungskompetenzen der Eltern und den Entwicklungsstand/die Entwicklungschancen der Kinder ab. Die Familienarbeiterin verbringt 40 Stunden in der Familie und ist zu Beginn täglich anwesend. Es besteht ein durchgängiger Notfalldienst für die Familie.

Seit Geburt lebt Jonas im Kinderheim, da seine Eltern ein Suchtverhalten zeigten, welches ihnen die Betreuung von Jonas verunmöglichte. Die Eltern pflegten aber regelmässigen Kontakt zu Jonas und er verbrachte Wochenenden und Ferien zuhause. Aktuell geht es den Eltern wieder besser und der Beistand wollte prüfen, ob Jonas ganz nach Hause zurückkehren kann. Es fand eine Abklärung in der Familie statt und wir empfahlen eine Rückplatzierung von Jonas, sobald in der Nähe des Wohnortes der Eltern eine passende Tagesstruktur in einer Kindertagesstätte gefunden werden kann.

 

Wie ist es zu einem Einsatz in Ihrer Familie gekommen?

Frau Strickler: Der Wunsch, dass Jonas mehrheitlich bei uns leben kann, besteht schon länger. Der Beistand hat die KOFA-Abklärung empfohlen, um unsere aktuelle Situation zu klären. Am Anfang waren wir kritisch eingestellt, weil wir nicht so genau wussten, was da auf uns zukommt.

Herr Strickler: Wir haben geschätzt, dass wir wählen konnten, ob wir die Abklärung wollten und dass diese nicht einfach verordnet wurde.

 

Wie hat Jonas auf den Familieneinsatz reagiert?

Frau Strickler: Jonas hat sehr gut auf die Familienarbeiterin reagiert und sich jeweils auf ihre Besuche gefreut.

 

Welches waren Ihre Bedenken vor der Abklärung?

Frau Strickler: Am Schwierigsten war die Vorstellung, dass eine fremde Person 6-8 Stunden bei uns in der Wohnung ist und überall mit dabei ist. Ich habe mir vorgestellt, dass sie überall die Schränke öffnet und „rumschnüffelt".

Herr Strickler: Wir waren aber rasch erleichtert, dass sich die Bedenken nicht bestätigt haben. Die Abklärung war für uns nicht eine Belastung, wir schätzten den offenen Umgang und die Gespräche mit der Familienarbeiterin. Die Gespräche über Erziehung und die vielen alltäglichen Beispiele dazu waren für mich hilfreich und gaben mir neue Impulse.

 

Was würden Sie rückblickend als das Anspruchsvollste der Abklärung bezeichnen?

Herr Strickler: Für mich war der offenen Umgang angenehm: die Familienarbeiterin orientierte uns gut, sie benannte die Dinge, gab uns immer Rückmeldungen über ihr Tun und über das, was sie bei uns beobachtete. Auch der Bericht war für mich stimmig, ich konnte darin unsere Familiensituation gut erkennen, obwohl im Bericht ja auch Kritisches stand, war dies nicht unangenehm für mich. Ja - meint Frau Strickler schmunzelnd - obwohl ich bei einigen Stellen im Bericht schon gerne „Tipp-ex" gebraucht hätte!

 

Würden Sie anderen Familien eine solche Hilfe empfehlen und weshalb?

Beide: Ja, das würden wir sehr empfehlen, als Familie erhält man so eine neue Chance, beurteilt zu werden und dies entlastet auch.


Reintegration nach Hause

Interview mit Familie Favre

Eine Familienarbeiterin begleitet während mehreren Monaten Eltern und Kinder, wenn ein Kind aus einem Kinderheim oder einer Pflegefamilie zu seinen Eltern zurückkehren soll. Es besteht ein telefonischer Pikettdienst für die Familie. Die 4jährige Alina und der 3jährige Leon wurden von der Vormundschaftsbehörde vor einem Jahr gegen den Willen von Herrn und Frau Favre in einem Kinderheim platziert. Der Entscheid der Behörden war für die Eltern kaum verständlich. Als Gründe wurden Verwahrlosung und mangelnde Erziehungsfähigkeit angeführt. In Zusammenarbeit mit dem Beistand werden die Eltern von einer Familienarbeiterin der Fachstelle begleitet, damit die Kinder wieder nach Hause zurückkehren können. Das Interview fand während dem Einsatz statt.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie diese Hilfe für Ihre Familie in Anspruch nehmen?

Vater: Wir haben nie verstanden, wieso die Kinder uns weggenommen wurden.

Mutter: das letzte Jahr war sehr belastend, wir reisten ständig zu den Kindern ins Heim, niemand konnte uns sagen, wann die Kinder wieder nach Hause kommen können. Wir wollten unbedingt, dass die Kinder wieder bei uns leben.

 

Welches waren aus Ihrer Sicht die grössten Probleme vor dem Familieneinsatz?

Mutter: Ich war sehr erschöpft, als dies alles geschah, ich hatte eine Krise und war in dieser Zeit überfordert. Jetzt möchte ich wieder selber zu den Kindern schauen.

Vater. Wir sind froh, dass jetzt etwas geht. Wir wussten selber nicht mehr weiter.

 

Wie erleben Sie den Familieneinsatz? Positives und Schwieriges?

Mutter: Es ist gut, dass wir bei der Vorbereitung der Rückkehr der Kinder und bei der Rückkehr selber unterstützt werden. Die Kinder leben jetzt seit gut einer Woche wieder bei uns. Durch die Anwesenheit der Familienarbeiterin fühle ich mich sicherer und habe gute Zuversicht, dass wir es schaffen. Sie hilft mir, dass ich mich als Mutter wieder anerkannt fühle und besser sehe, was ich gut kann. Die Zeit vorher war wie ein Ausnahmezustand.

Vater: Die Kinder akzeptieren uns wieder als Eltern, als Mami und Papi.

 

Welche Unterstützung der Familienarbeiterin erleben Sie als besonders hilfreich?

Mutter: Ich erledige Dinge und Aufträge sofort und schiebe sie nicht mehr vor mich hin. Ich fühle mich dadurch besser und merke, was wichtig ist und sofort erledigt werden muss. Ich beginne auch mehr über die Zukunft nachzudenken und plane diese besser.

Vater: Das Planen hilft, den Überblick nicht zu verlieren.

 

Wie haben sich Ihre Kinder durch den Einsatz verändert?

Mutter: Die Kinder sind glücklich, dass sie nun nach Hause kommen konnten. Sie haben wieder Vertrauen. Alina wirkt viel selbständiger und selbstbewusster.

Vater: Alina und Leon sind unbeschwerter und ruhiger, seit sie wieder zuhause sind. Es gibt keinen Druck mehr.

 

Würden Sie anderen Familien eine solche Hilfe empfehlen und weshalb?

Beide Eltern: Ja, das würden wir sofort! Am besten sollte die Hilfe schon erfolgen, bevor man einer Familie die Kinder wegnimmt. Man hat nie ausgelernt.

Mutter: Es ist hilfreich, wenn jemand von aussen kommt und seine Meinung und uns seine Sichtweise sagen kann.


Ambulante Familienunterstützung AFU - Sozialpädagogische Familienbegleitung

Interview mit Frau Lütuf

Eine Familienarbeiterin begleitet eine Familie während mehreren Monaten oder Jahren indem sie die Familie 1- bis 3-mal pro Woche besucht. Es besteht ein telefonischer Pikettdienst. Frau Lütuf stammt aus der Türkei und kam mit 13 Jahren in die Schweiz zu ihrem Vater. Mit 19 Jahren musste sie gegen ihren Willen ihren Cousin heiraten. Sie wurde bald Mutter von Sohn Sabir und zwei Jahre später von Tochter Ruhsar. In der Ehe erlebte Frau Lütuf physische wie psychische Gewalt und trennte sich deshalb von ihrem Ehemann. Der Vater hat keinen Kontakt zu den beiden Kindern und lebt wieder in der Türkei.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie eine ambulante Hilfe in Anspruch nehmen? Wie haben Ihre Kinder auf die angekündete Hilfe reagiert?

Samir und Rafael haben seit einigen Jahren eine Beiständin, ihr habe ich erzählt, dass ich mit der Erziehung der beiden manchmal überfordert bin. Die Beiständin hat mir die Hilfe vorgeschlagen und ich war sofort damit einverstanden. Erstmals kam die Familienarbeiterin vor einem Jahr, sie kam zweimal pro Woche. Die Kinder haben zu Beginn nicht ganz verstanden, waren misstrauisch und distanziert. Ich selber war und bin sehr froh über die Unterstützung.

 

Welches waren aus Ihrer Sicht die grössten familiären Probleme vor dem Einsatz?

Ich war traumatisiert und depressiv, hatte Angst alleine aus der Wohnung zu gehen und liess auch die Kinder nicht nach draussen zum Spielen, weil ich mich vor dem Vater der Kinder fürchtete. Die Kinder hatten wenig Bewegungsfreiheit und waren sich nicht gewohnt, mit anderen Kindern zu spielen oder mit mir einzukaufen. Sie verbrachten Stunden vor dem Fernseher. Die Kinder waren trotzig und laut, sie haben mich vor allem ausserhalb der Wohnung fasst etwas erpresst, ich kaufte ihnen dann immer Spielsachen oder Süssigkeiten, damit sie ruhig waren. Auf Verbote von mir haben sie nicht reagiert, es fiel mir schwer, konsequent zu sein, weil ich Angst hatte, dass Sabir und Ruhsar mich nicht mehr lieben würden, wenn ich streng mit ihnen bin.

 

Wie hat sich Ihre familiäre Situation, wie haben sich Ihre Kinder durch den Einsatz verändert?

Ich bin selbstbewusster geworden und lasse mich nicht mehr so leicht erpressen. Es gelingt mir gut, die Grenzen zu halten. Der Alltag ist ruhiger geworden und Sabir und Ruhsar hören mir wieder zu. Sie sind nicht mehr so fordernd und haben einen respektvollen Umgang mit mir. Der Fernseher ist in den Hintergrund gerückt. Die Kinder sind selbständiger, ausgeglichener, fröhlicher, neugieriger, haben kaum mehr Ängste. Sie streiten sich nach wie vor, aber in einem guten Rahmen. Sie gehen nun alleine nach draussen, spielen mit andern Kindern und sind gut im Quartier integriert.

 

Welche Hilfestellungen waren besonders unterstützend für Sie?

Das Einüben von Alltagssituationen wie einkaufen, nach draussen gehen. Auch das gemeinsame besprechen von Alltagssituationen ist für mich sehr hilfreich, wir können so zusammen nach Lösungen und Kompromissen suchen. Ich habe auch gelernt, wieder mehr mit den Kindern zu spielen, zb mit Karten.

 

Würden Sie anderen Familien eine solche Hilfe empfehlen und weshalb?

Ja auf jeden Fall. Ich habe nur gewonnen und meine Ängste, dass ich mein Gesicht verliere, haben sich nicht bestätigt. Es brauchte Überwindung sich Hilfe zu holen, ich habe mich zu Beginn dafür geschämt und fühlte mich als Versagerin. Ich habe als Mutter und Frau Selbstbewusstsein gewonnen und weiss nun, dass ich unsicher sein darf ohne gleich eine schlechte Mutter zu sein und nicht alles wissen muss. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe.